Wie sieht ein sogenannter Normmensch aus? Er ist mittelgroß, zwischen 20 und 50 Jahre alt und nicht zu dick. Diesen Kriterien folgend, zeigt sich in einem Park folgendes Bild: Da steht eine Gruppe von Senioren, Frauen mit Kinderwagen versuchen, sich zwischen ihnen ihren Weg zu bahnen. Jugendliche spielen Ball und wollen einige Mädchen zum Mitmachen überreden.

Ein schwules Paar stolziert vorbei. Dann nähern sich drei, die aussehen wie Normmenschen. Aber nein, Fehlanzeige – es sind Schwarze, die kichernd vorbeigehen. Kein Mensch weit und breit. Nur Kinder, Frauen, Senioren, Schwule, Jugendliche, Mädchen und Schwarze. Minderheiten. Der heterosexuelle weiße Mann , die Norm des Normalen, ist in diesem Moment nicht da. Doch, einer! Er liegt allein in der Sonne.

Umgekehrt proportional dazu verhält sich die Aufregung vieler Männer um Bemühungen der Minderheiten, wenigstens sprachlich etwas mehr auf ihre gesellschaftliche Präsenz zu reagieren und nicht alle vor den Kopf zu stoßen, die der Norm des Normalen nicht entsprechen. Die Idee der Leipziger Uni, den Begriff „Herr Professorin“ als Anrede zu etablieren, ist sehr witzig.

Doch neben Humor mangelt dem Normmenschen vor allem an dem, was Pädagogen Ambiguitätstoleranz nennen: das heißt, ein gewisses Maß an Stress und Vielfalt aushalten zu können. Dabei, liebe Normmenschen, besteht derzeit keine Gefahr, dass irgendein Minderheitenmensch euch die Vorherrschaft streitig machen würde.

Im Gegenteil: Seit Rainer Brüderle seine Sexismusdebatte so stur ausgesessen hat, seit sich Normmenschen über die Diskussion um das N-Wort vor lauter Zynismus auf die Schenkel klopfen und auch in der Politik Frauenquoten oder schlimmer, Minderheitenquoten zur Lachnummer mutiert sind, braucht ihr euch keine Sorgen zu machen! Es bleibt alles, wie es ist. Und wenn nicht, gehen wir sogar einen Schritt zurück: Männer und Männlichkeit werden unter besonderen Schutz gestellt. Also beruhigt euch.

Männliche Rituale wie gemeinsames Schwitzen im Indianerzelt, Kickboxen, Kraftwandern mit Überlebenstraining kommen in der Sozialarbeit mit Jugendlichen übrigens auch wieder zu Ehren. Gerade junge Männer brauchen so was und ganz besonders, wenn sie zur Gruppe der „rechtsextrem Gefährdeten“ gehören. In den 1990er-Jahren sollten junge Nazis so „von der Straße geholt“ werden. Glatzenpflege auf Staatskosten nannte man das. Später hatte man sogar die Idee, Jungnazis durch Mädchen zu resozialisieren. Weil Frauen ja domestizierend auf den Normmenschen wirken.

Beides hat nur insofern geklappt, als dass die Nazis von damals nun in Kampfsportarten gut ausgebildete Familienoberhäupter geworden sind. Im Laufe der 2000er-Jahre änderte sich die Politik im Umgang mit Geschlechterbildern und Rechtsextremismus. Das Gender-Mainstreaming galt fortan als eine Art Nagelprobe für den Umgang mit Minderheiten, die zum Demokratischsein irgendwie dazugehören sollen.

Frauen und „Ausländer“ sollten mit einem Mal mitspielen und nun beharrten sie sogar auf einer eigenen Perspektive. Also wirklich! Das geht zu weit. Und deshalb: zurück in die 1990er, ohne Herr Professorin. Dafür mit gut gefülltem Dirndl und kickboxenden Jungs mit Nazitattoos, die sich auf Staatskosten ein wenig fortbilden können.