Über dem Gaza-Krieg sind schon Freundschaften zerbrochen. Du Antisemit! Nein Du! Daniel Barenboim war es anzusehen, wie ihn das Thema bedrückte, als er vor ein paar Tagen in Berlin mit der Urania-Medaille geehrt wurde. Die Urania ist eine von Bürgern seit 1888 getragene Einrichtung, in der schon Albert Einstein über seine Relativitätstheorie plauderte. Es waren berührende Momente, als Barenboim sich eines wünschte: ein Zusammenwachsen von Israel und seinen arabischen Nachbarn. Der Maestro in den Fußstapfen Ben Gurions: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“

Kurz davor war ich in der Waldbühne. Barenboims Konzert mit dem West-Eastern Divan Orchestra gehört zu meinen festen Kulturterminen: Junge jüdische und arabische Musiker machen gemeinsam Musik. Auch in diesem Jahr traf ich mich dort mit Freunden, wir machten Picknick, tranken Wein und lauschten später dem Konzert. Trotz Gaza, die Musiker spielten mit großer Hingabe. Ein reales Wunder.

Wandel der Hauptstadt mitgeprägt

Barenboim habe als Generalmusikdirektor der Staatsoper nach dem Mauerfall den Wandel der Hauptstadt zur toleranten und weltoffenen Metropole entscheidend mitgeprägt, sagte Klaus Wowereit in der Urania. Er erinnerte in diesem Zusammenhang daran, was es nach den Wende zu stemmen galt: Plötzlich gab es alles im Doppelpack – Opernhäuser, Theater, Hochschulen und sonstige Einrichtungen, die natürlich alle auf Subventionen hofften. Die gibt es glücklicherweise auch und das Berliner Kultur- und Wissenschaftsleben blüht. Und nicht nur hier. Ganz Deutschland leistet sich so viele Opernhäuser wie fast der gesamte Rest der Welt. Wer glaubt, das sei eine dreiste Umverteilung von Steuergeldern zu den Wohlhabenden – denn die sind es ja, die diese Angebote oft wahrnehmen –, der irrt. Natürlich klebt an jeder Eintrittskarte zu 25 Euro noch mal das Vierfache an Subventionen. Aber genau das lässt Städte wie Berlin, Dresden oder Frankfurt am Main prosperieren. Die Wirtschaftswissenschaftler Thiess Büttner und Eckhard Janeba haben gezeigt, dass ein reiches Kultur- und Geistesleben besonders attraktiv ist für die in Wirtschaft und Wissenschaft so intensiv gesuchten Menschen mit Top-Ausbildung. Wir lernen nicht für die Schule, sondern fürs Leben, hat der schlaue Seneca schon gefordert. Und in Regionen mit vielen klugen Leuten haben alle etwas davon, denn dort entstehen auch Arbeitsplätze für die, die nur für die Schule gelernt haben.

Nur das Beste ist gut genug

Den Besserverdienern geht es ein wenig wie den Touristen: Nur das Beste ist gut genug. Wenn die Zahl der Übernachtungen dafür ein Indikator ist, dann landet Berlin auf Platz 1, gefolgt von München, Hamburg, Dresden und Frankfurt am Main. Auch ausländische Wissenschaftler lieben genau deshalb Berlin. Platz 1 und 2 beim Anteil ausländischer Forscher belegen die Freie Universität Berlin und die Humboldt-Universität. Der Wissenschaftspark Berlin-Adlershof ist mittlerweile der größte Forschungscampus Europas mit einer virilen Gründerszene.

Also alles bestens bei uns? Ja, wenn da nicht noch eine Klitzekleinigkeit wäre: Die Kopenhagener Stadtplanerin Helle Søholt empfiehlt, mehr Räume für Fußgänger und Radfahrer zu schaffen. Das mache eine Stadt erst richtig menschenfreundlich und lebendig.