Kolumne: Umgang mit Flüchtlingen gleicht zivilem Bankrott

Die Frau lief mit ihrem Kind an der Hand die Straße einer deutschen Kleinstadt entlang. Als neben ihr ein Auto hupte, schaute sie sich kurz um. In dem Wagen saßen Männer und riefen ihr etwas zu. Es klang aggressiv und bedrohlich. Die Frau lief schneller, das Auto fuhr neben ihr her. Plötzlich stiegen die Männer aus, bespuckten sie und brüllten unverständliche Worte. Dann nahm einer ein Stück Kreide aus seiner Tasche und malte ein Hakenkreuz auf das Pflaster.

Die Frau war aus Syrien geflohen und lebte in einem Flüchtlingsheim. Andernorts fürchten sich die Kinder jeden Tag davor, in die Schule zu gehen. Auf dem Schulhof werden sie geschubst und beschimpft. „Ebola, Ebola!“ rufen ihnen die anderen Kinder nach. Die Lehrer sprechen von normalen Schulhofraufereien.

Wer im Flüchtlingsheim lebt, muss sein Leben gut organisieren. Niemals allein rausgehen, heißt es. Wenn es geht, nicht nach Einbruch der Dunkelheit und immer Bescheid sagen, wie lange man unterwegs zu sein gedenkt. Im Supermarkt will ein Mann seinen Einkauf bezahlen, aber die Kassiererin weigert sich, sein Geld anzufassen. Der Mann versteht nicht, weshalb. Die Unterkünfte sind oft in schlechterem Zustand, als sie sein müssten. Von acht Duschen für 200 Menschen – Männer wie Frauen – funktionieren nur vier, und es gibt keine Vorhänge. Die Gebäude scheinen gerade dort besonders marode zu sein, wo die Kommune eher wohlhabend sind.

Dass die Geflüchteten aus Gebieten kommen, von denen täglich Gräuel berichtet werden, tangiert die Behörden nicht. In den Schulen fühlen sich Lehrer wegen der Flüchtlinge „alleingelassen“, gerade so als wären die Schulkinder in Not und nicht jene, die dem Tod noch einmal entronnen sind. Es gibt etablierte Kommunalpolitiker, die verkünden, dass der Zustrom von Flüchtlingen Wasser auf die Mühlen von NPD oder AfD seien. Was für eine seltsame Eigenwerbung.

Kleinmut bedroht uns - nicht Armutseinwanderung

Rassismus ist eine praktische Art, sich der Verantwortung zu entziehen und er bewahrt davor, nachdenken zu müssen. Das wird aber nicht helfen. Es ist nicht die sogenannte Armutseinwanderung, die den reichen und weißen Norden bedroht, sondern der Kleinmut, zur Demokratie zu stehen. Nach innen und nach außen. Sie im Innern ständig mies zu machen, Politiker grundsätzlich als korrupte Verbrecher darzustellen und das ganze System für schlecht zu halten, zeugt vor allem anderen von Verantwortungsflucht. Das ist keine Haltung, sondern vor allem unpolitisch.

Bei aller Kritik an so mancher politischen Entscheidung ist es vor allem ungerecht und ungerechtfertigt. Sich hochmütig abzuwenden, bedeutet die Augen vor der veränderten Welt zu verschließen. Es gibt kein Zurück aus der Globalisierung. Und wenn dann nur unter Verlust von Freiheit und Wohlstand. Wer aber das eine will, muss sich auf das andere einlassen. Dazu gehört es auch, Flüchtlinge aufzunehmen und gut zu behandeln. Es scheint unpopulär zu sein, sich zur Demokratie zu bekennen, von der wir alle profitieren.

Was aber sollen wir dann nach außen den destruktiven Fundamentalisten entgegenhalten, wenn nicht eine funktionierende Demokratie? Die Frau aus Syrien ist vor den Schlächtern der IS geflohen. Wohin? In ein Land, in dem ihr und ihrem Kind ein Hakenkreuz vor die Füße gemalt wird? Was für eine Bankrotterklärung.