Man muss nicht jeden Schritt gutheißen, den deutsche Minister und die Bundeskanzlerin in der Ukraine-, Flüchtlings- oder Griechenlandkrise gehen, jedoch steht eines fest: Sie handeln pragmatisch, wahren die Formen und arbeiten am Ausgleich widerstreitender Interessen. Mit Engelsgeduld versuchen sie, die Verhandlungsfäden selbst zu extrem schwierigen, doppelzüngigen oder bockigen Verhandlungspartnern nicht abreißen zu lassen, ob sie nun Putin, Tsipras oder Poroschenko heißen.

In der vergangenen Woche flog Wolfgang Schäuble fünfmal nach Brüssel, um den wirren Worten eines Professors für Spieltheorie namens Varoufakis zuzuhören – der demütige Rollstuhlfahrer, ein Diener seines Landes, gegen den hoffärtigen Motorradmacho (Yamaha XJR-1300, laut Werbung: „Muskulöser Auftritt“, „Rennsport-Look“ – Auftritt, Anschein, nichts Echtes)!

Zwischendrin beschwichtigt die Kanzlerin den Quartalsquerulanten Seehofer, hält den ungarischen Staatslenker Orban von allzu großem Unsinn ab, bringt der polnischen und tschechischen Regierung nahe, dass sie sich – nach all der Solidarität, die ihre Länder von der Europäischen Union erfahren haben – vielleicht dazu bequemen könnten, ebenfalls Flüchtlinge aufzunehmen. Kehrt für einen Moment Ruhe ein, lässt ein zum Selbstmord entschlossener Pilot sein voll besetztes Verkehrsflugzeug gegen die Alpen krachen. Das erfordert die Anteilnahme der Staatsspitze, stellvertretend für die schockierte Nation.

Dann fällt auf, dass der US-Geheimdienst NSA mithilfe des Bundesnachrichtendienstes in halb Europa herumspionierte. Was soll man machen? Wir brauchen gute Beziehungen zur NSA. Sie liefert Daten zur Terrorabwehr, auf die wir besser nicht verzichten sollten. Seit Monaten beschäftigen Außenminister Steinmeier die aufreibenden, hoffentlich erfolgreichen Verhandlungen zur Limitierung und Kontrolle der atomaren Fähigkeiten des Iran. Ministerpräsident Tillich eilte ins sächsische Freital, um die Gemüter zu beruhigen, um brauner Hetze entgegenzutreten. In den festgefahrenen Streiks von Flug-, Bahn- und Kitapersonal vermitteln derzeit neben einem amtierenden zwei ehemalige Ministerpräsidenten (Ramelow, Platzeck, Milbradt) und drei weitere Ehemalige: ein Oberbürgermeister, ein Fraktionsvorsitzender und eine Justizministerin (Schmalstieg, Merz, Däubler-Gmelin).

Derart werden seit Jahren komplizierte Arbeitskämpfe geschlichtet, ein Beweis dafür, welch starkes Vertrauen deutsche Politiker in weiten Teilen der Gesellschaft genießen. Kein Mensch käme auf die Idee, einen Talkmaster, Chefredakteur, Theaterdirektor oder Professor mit einer solchen Aufgabe zu betrauen. Berufsmäßige Rechthaber sind dafür ungeeignet. Weil sie das wissen, erfinden sie das Gerede von der Politikverdrossenheit, schwatzen daher: „Die Politik muss endlich …!“, „Brüssel versagt …!“, „Merkel hat nicht begriffen …!“

Wer schon erlebt hat, welche lächerlichen Streitigkeiten einen Schulelternabend, kleine Vereine, Universitätsinstitute oder Eigentümergemeinschaften lähmen können, muss den deutschen Politikern insgesamt dankbar sein. Sie bearbeiten für uns Konflikte, an denen wir ohne sie scheitern würden. Sie repräsentieren uns in aller Regel gut. Wünschen wir ihnen erholsame Ferien!