Von den 60.000 Juden Wilnas tauchten nach dem Rückzug der Wehrmacht im Sommer 1944 einige Hundert wieder auf. Sie eröffneten eine Volksschule, ein Museum und feierten von 1944 bis 1946 ihre Gottesdienste in der stark beschädigten, etwas hergerichteten und reparablen Großen Synagoge. Dann wurde sie auf Anordnung der Stadtverwaltung abgerissen, die Brache als Parkplatz und 1964 als Baugrund für einen Kindergarten genutzt. Die Fundamente mussten nicht „entdeckt“ werden! 1949 wurden die jüdische Volksschule und das Museum zwangsweise geschlossen, die Exponate verschwanden, „viele jüdische Bücher wurden als Altpapier in die Papierfabriken gebracht“, wie Solomon Atamuk bezeugte. Die Begründung lautete: „Jüdisches braucht man nicht, das ist keine Nationalität, das ist nichts!“

Zur selben Zeit tilgte die Stadtverwaltung alle Namen, die an die jüdische Vergangenheit erinnerten: die dem großen jüdischen Heiligen gewidmete Gaon-Straße, ebenso die Straszuna-Straße, einst die Handelsachse Wilnas. 1952 ließen die Behörden im nahen Ponary das Denkmal mit jiddischer Inschrift für die dort erschossenen 70.000 litauischen Juden niederreißen. An den Mordaktionen hatten sich Hunderte Litauer direkt beteiligt, Unzählige hatten das Vorgehen der Deutschen helfend, passiv oder höchst aktiv gefördert. Christoph Dieckmann, der 2011 das Standardwerk dazu veröffentlichte, resümiert: Der Mord an den Juden hat die deutsche Besatzungsherrschaft in Litauen „nicht erschwert, sondern erleichtert“.

Als die Partisanin Rachela Margolis 1944 von ihren einstigen Nachbarn wieder etwas vom Eigentum ihrer ermordeten Eltern zurückhaben wollte, wurde sie vor die Tür gesetzt. In Wilna „hatten sich die Menschen daran gewöhnt, jüdisches Eigentum als das Ihre zu betrachten“. Zwischen 1948 und 1950 ließen die Stadtväter den 650 Jahre alten jüdischen Friedhof einebnen, die Grabsteine als Baumaterial verwerten und stattdessen den Sportpalast nebst Hallenbad errichten. Noch bestehenden Synagogen gewährten sie keinen Denkmalschutz, katholischen Kirchen zuhauf. 1961 bis 1963 ließen sie die 70.000 Gräber des neuen jüdischen Friedhofs von 1830 zerstören, zugunsten einer klotzigen Freilichtbühne, die 2008 in Deutschland so angepriesen wurde: „Nach dem Abendessen Höhepunkt des Sängerfestes. Auf der riesigen Freilichtbühne singt ein Chor aus mehr als 15 000 Sängern Volkslieder.“

Heute wirbt Wilna mit „professional guided Jewish Vilnius tours“. Da braucht man die Fundamente der Synagoge wieder und eine glatte geschichtliche Erzählung. Wie passend dafür das allgegenwärtige Mediengeplappere von den Untaten „der Nationalsozialisten“! Es verschweigt absichtsvoll die Namen von Millionen Menschen, die sich aus unterschiedlichen Interessen am Judenmord beteiligten, davon direkt und auch später noch profitierten – in Deutschland wie in vielen einst besetzten Ländern Europas.