Kolumne: Von Störchen und Nichtwählern

Jedes Jahr kommt unweigerlich der Tag, an dem es so kalt und so regnerisch ist, dass dem Sommer alle Lust vergeht, noch einmal zurückzukommen. Es ist Anfang September, um die 18 Grad, der Regen fällt in schrägen Schnüren vom Himmel. Es friert schon jetzt, wer an die nächsten Monate denkt, weshalb Strickjacken und Wärmflaschen vorsorglich aus dem Schrank geholt werden.

Die Störche sind schon weg, Richtung Süden. Die jungen Störche sind zuerst geflogen, die alten hinterher, die Route muss in den Genen stecken. Einen Teil zieht es Richtung Osten über den Balkan, die Türkei und Israel, um dann in Südafrika zu landen. Die anderen nehmen die Westroute über Portugal mit Ziel Westafrika und bleiben immer häufiger in Spanien hängen, weil der Klimawandel für angenehme Temperaturen sorgt und Abfall für Nahrung. Wenn sie im Frühjahr zurückkommen, ist die Bundestagswahl gelaufen.

Wir Bürger dagegen können dem 22. September nicht entkommen. Wir können links oder rechts wählen, wir können aber auch gar nicht wählen und sind dann Teil der Gattung Nichtwähler. Ihre Zahl nimmt zu, ihr Einfluss auf den Wahlausgang ist umstritten.

Merkel profitiere 2005 von Nichtwählern

Forscher haben herausgefunden, dass fast jede Bundestagswahl in der Bundesrepublik seit 1945 den gleichen Ausgang genommen hätte, wenn auch Nichtwähler zur Urne gegangen wären. Nur 2005 hätte die SPD gesiegt statt der Union und die Große Koalition einen Bundeskanzler Schröder gesehen statt einer Angela Merkel. Ob sich die Aussage von der relativen Bedeutungslosigkeit der Nichtwähler halten lässt, wenn noch weniger Bürger wählen gehen, ist umstritten. In den USA, wo nur gut 35 Prozent an Kongresswahlen teilnehmen, wird die Politik vom oberen Drittel der Gesellschaft bestimmt, weil vor allem die Armen und weniger Gebildeten nicht zur Wahl gehen.

Die Zunahme der Nichtwähler erklären sich die Forscher weniger als Protest gegen das System und mehr als Folge gesellschaftlicher Umbrüche. Die postmaterielle Revolution habe die Bindung an Familie, Kirche und eben auch Parteien aufgelöst und einen Bürger hervorgebracht, der sich sein Müsli im Internet zusammenstellt, statt es fertig verpackt zu kaufen.

So lassen sich zwei Hauptströmungen bei den Nichtwählern herausfiltern. Die einen sagen, mit einer Stimme könne man nichts ausrichten, meinen aber: Wenn nicht alles so wird, wie ich es mir vorstelle, zeige ich euch die kalte Schulter. Die anderen sagen, eine Partei sei wie die andere und keine die richtige, haben aber im Sinn: Keine Partei genügt meinen Ansprüchen.

Die erste Haltung ist kindisch, die zweite hochmütig; die erste unterschätzt die Bedeutung ihrer Stimme, die zweite überschätzt sie – und ist deshalb bei Intellektuellen und Künstlern verbreitet. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich dem Gang der Geschichte unterwerfen, ohne verantwortlich sein zu wollen, was sie zu klassischen Untertanen macht.

Die Störche haben übrigens Mitteleuropa längst hinter sich gelassen. Ihre Route kann man auf der Internetseite des Naturschutzbundes (NABU) an Beispielen der Exemplare Michael, Gustav, Astrid oder Emma verfolgen. Michael, ein Ostzieher, wurde zuletzt am 3. September über der Türkei geortet. Astrid ist in Spanien hängen geblieben. Den letzten Winter hat sie dort auf einer Müllkippe verbracht.