Meine Damen und Herren, ich freue mich, am fünften Tag nach dem 3. Oktober zu Ihnen sprechen zu können. Gleich eingangs will ich Ihnen beichten, dass ich nie ein Freund von Helmut Kohl war, auch wenn er als Kanzler der Einheit in die Geschichte eingehen will und vielleicht sogar wird.

Tatsächlich war Kohl ein Grund für mich, aus Westdeutschland wegzugehen, kurz nachdem er dort zum ersten Mal Kanzler wurde, denn seine geistig-moralische Wende verbreitete Stillstand und Lähmung. Irgendwann mochte man auch nicht mehr lachen, wenn er „Birne“ gerufen wurde, und West-Berlin wurde zum einzigen Ort in Deutschland, wo man ihn nicht vor der Nase hatte bzw. in die Zone zu musste, wo die grauen Sozialisten herrschten. Natürlich hatte ich die Rechnung ohne die Geschichte gemacht.

Für die friedliche Revolution 1989 konnte Helmut Kohl nichts, die haben aufrechte Bürgerrechtler gemacht, weil sie an eine neue Gesellschaft mit besseren Menschen glaubten. Sie hätten Marx lesen sollen, der schrieb, die Revolution sei ein Prozess, bei dem radikale Gruppen so lange das Sagen haben, bis sie von noch radikaleren Gruppen abgelöst werden.

Wahrscheinlich hat Kohl nie Marx gelesen, aber um die Dynamik wusste er und hat sich mit der Wiedervereinigung an die Spitze gesetzt, ein Lenin des Westens. „Nicht wir machen die Revolution“, ließ Büchner seinen müden Helden Danton sagen, „die Revolution macht uns.“ Aber von so viel Selbstbescheidenheit ist Kohl weit entfernt.

Bei den Invektiven der Kohl-Tapes, die dieser Tage vom Spiegel gestreut werden und in Buchform unter die Leute kommen, taucht er denn auch wieder auf: Birne hinter dem Denkmal. Kohl und sein in Ungnade gefallener Biograf Schwan scheinen dabei eine Art Pingpong zu spielen, bei dem der eine das Marketing für den anderen betreibt. Wer würde sich für eine gesampelte Fassung alter Kohl-Biografien interessieren, wenn es die Indiskretionen nicht gäbe? Wer würde sich für die herablassenden Bemerkungen eines alten Mannes interessieren, wenn der nicht bald einen Auftritt hätte, um sein neues Buch zu verkaufen?

Und wird einem Angela Merkel nicht grundsympathisch, wenn Kohl von ihr sagt, er habe sie bei Banketten kniggemäßig zur Ordnung rufen müssen, weil man sie lässig neben einer Suppenterrine herumlümmeln sieht, ein Rest von Anarchie und Revolte in den Knochen, bevor die Macht ihr in die Glieder fährt?

Vielleicht könnte man Helmut Kohl seine Selbstgerechtigkeit verzeihen, wenn er nicht nur der Kanzler der Einheit gewesen wäre, sondern auch Kanzler der Gegenwart. Aber das Einzige, was ihm zur neuen Bundesrepublik eingefallen ist, war die alte Bundesrepublik, in der das Blut über die Staatsangehörigkeit entschied und nicht der Pass. Als seine Regierung Anfang der 90er-Jahre eine Kampagne gegen Asylbewerber fuhr, während die ostdeutsche Wirtschaft auf Talfahrt ging, wurde es hässlich. Als er kein Wort der Anteilnahme fand, während Asylbewerberheime angezündet wurden, da wurde es unverzeihlich.

Er wollte sich sein Deutschland nicht kaputt machen lassen, schon gar nicht von der Wirklichkeit. Und darum, meine Damen und Herren, nehme ich es persönlich und schließe die Feierlichkeiten zum fünften Tag nach dem 3. Oktober mit den Worten: Kohl mag der Kanzler der Einheit sein, aber die Zeche mussten andere zahlen.