Seit 1969 ziert der Neptunbrunnen die wenig anmutige, mittlerweile haltlos gewordene Staatsachse der DDR zwischen Fernsehturm und dem früheren Palast der Republik. 1888 hatten die Berliner Stadtväter das Werk in Auftrag gegeben und es drei Jahre später – nicht ohne Spott und Hintersinn – Kaiser Wilhelm II. geschenkt. Geschaffen von dem Berliner Bildhauer Reinhold Begas, stand der Brunnen vor der Südfront des Schlosses und überdauerte wie das Reiterstandbild des Alten Fritz eingemauert den Bombenkrieg. Nun soll er zum Schloss zurück, wie nicht wenige finden. Ich bin dafür, die Entscheidung zu vertagen, aber am früheren Standort vorsorglich die Wasseranschlüsse zu verlegen.

Die Idee, dem noch jungen, 1888 inthronisierten Kaiser ein derartiges Geschenk vor die Nase zu bauen, stammte von einem der bedeutendsten Berliner Oberbürgermeister, dem Linksliberalen Max von Forckenbeck (1821-1892). Wilhelm II. hatte sich 1890 rundweg geweigert, diesen 1890 mit überwältigender Mehrheit wiedergewählten Mann im Amt zu bestätigen. Er trug ihm nach, dass er im Preußischen Abgeordnetenhaus gegen den Autoritarismus Bismarcks angetreten war, im Reichstag gegen die Erhöhung der Militärausgaben.

Forckenbeck hatte zu jenen 75 führenden Köpfen Berlins gehört, die 1880 gegen den Antisemitismus protestierten. Gemeinsam mit Theodor Mommsen, Rudolf Virchow, Werner Siemens und anderen wies er den „Rassenhass“ zurück, der „neuerdings in tief beschämender Weise wie eine Seuche“ auftrete. Er verlangte, „alle Deutschen in Rechten und Pflichten gleich zu achten“, was nicht nur Sache der Obrigkeit sei, sondern „des Gewissens jedes einzelnen Bürgers“. Wilhelm II. unterlag. Schließlich musste er Forckenbeck im Amt bestätigen. Ihm verdankt Berlin die städtische Autonomie und vieles mehr. Ehren wir diesen Mann – ein Gegenbild zum verbissenen Pickelhauben- und Hass-Deutschen.

Verlegen wir seinen Brunnen wieder an die Stelle, wo er einst stand: zwischen Schloss und Marstall (heute Hochschule für Musik Hanns Eisler). Schaffen wir dort den Max-von-Forckenbeck-Platz. (Letzteres kann am demonstrativ-dumpfen Antiliberalismus heutiger Kommunalpolitiker/Innen scheitern. Soweit die Geschichtswissenschaft herausfinden konnte, fällt F. nämlich weder in die Kategorie weiblich, homo- oder intersexuell; auch war er kein Opfer des Kolonialismus, nur Gegner.)

Verlegt werden sollte der Brunnen frühestens in zehn Jahren, weil andernfalls ein Zwang entstünde, zu schnell und unbedacht festzulegen, was mit der Brache zwischen Schloss, Rathaus und Fernsehturm geschehen soll. Es erscheint mir sinnvoll, wenn zunächst die Situation an den Rändern grundlegend verändert würde. Dazu müssten der Molkenmarkt wieder entstehen, die Autoschneise Mühlendamm menschenfreundlich rückgebaut, die ehemalige Waisenbrücke (zwischen Jannowitz- und Mühlendammbrücke) wieder errichtet, Schinkels Bauakademie rekonstruiert und die zugigen Ecken am Alexanderplatz endlich urbanisiert werden.

Berlin fehlt nach wie vor die Mitte. Sie wird entstehen, aber das benötigt Zeit. Bis dahin sollte Forckenbecks grandioser, in seinen Details witziger Brunnen die Leute am heutigen Platz erfreuen. Er verkörpert Lebenslust und bürgerliches Selbstbewusstsein.