"Wer ein Menschenleben rettet, der rettet die ganze Welt“, sagt der Talmud. Diesen wunderbaren Satz kennen wir vielleicht noch aus „Schindlers Liste“, aber in unserem Bewusstsein ist er eher weniger verankert. Dabei gehört er in unsere Köpfe. Daran zu erinnern gibt es in dieser Woche einen guten Anlass: Die Deutsche Aids-Hilfe wird 30 Jahre alt. Sie hat den Talmud-Spruch nämlich gelebt und nicht nur ein Menschenleben gerettet.

Aids brach Anfang der 80er-Jahre aus, ausgerechnet als in Deutschland die Schwulen gerade dabei waren, sich mit Macht zu emanzipieren, auf die Straße gingen und sich raus aus der Schmuddelecke wagten. Und dann Aids, der „Schwulenkrebs“. Drogennutzer und Bluter gehörten zwar auch zu den Erkrankten, aber das machte die Sache nicht besser. Die CSU-Granden, vorneweg Franz Josef Strauß und Peter Gauweiler, verlangten Zwangstests und „Internierungslager“. Im Bundeskabinett gab es heftige Auseinandersetzungen, die aber niemand Geringeres als die damalige Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth (CDU) schließlich mutig mit dem Satz beendete: „Wir müssen die Krankheit bekämpfen und nicht die Menschen.“

Viele können sich heute kaum noch vorstellen, dass das Wort Kondom allenfalls verschämt geflüstert wurde. Doch Rita Süssmuth ließ sich nicht irre machen. Sie besorgte Geld für eine bis dahin unvorstellbare Aufklärungskampagne. Broschüren, Flyer, Faltblätter in Millionenauflage. Unermüdlich. Auch die Aids-Hilfe und andere Initiativen wurden darin unterstützt, sich mit offenen Worten und direkt an die Risikogruppen wenden. Die Bundesrepublik beschloss 1984 weltweit als erstes Land Tests von Blutspendern und Blutkonserven.

Bundesverdienstkreuz für Schlomo Staszewski

Natürlich gab es auch Irrungen und Wirrungen unter den alten Recken der Schwulenbewegung. Die menschliche Lust und Sexualität in einem Gummi? Gezähmt und gebändigt? Nie und nimmer. Rosa von Praunheim ist dafür zu danken, dass er unverdrossen Safer Sex gepredigt hat, allen Anfeindungen zum Trotz. Schrilles Aushängeschild dafür war 1986 sein Film „Ein Virus kennt keine Moral“, der erste Spielfilm über Aids. Bevor die Kranken auf die Insel Hell-Gay-Land deportiert werden, befreit sie ein schwules Revolutionskommando. Bizarr, aber wirkungsvoll.

Die Aids-Forschung läuft auf Hochtouren und bringt im selben Jahr das erste Medikament auf den Markt: AZT. Es hat üble Nebenwirkungen, aber Aids-Kranke leben dafür ein bisschen länger. Erst zehn Jahre später beginnt die Ära der Kombinationstherapien, maßgeblich entwickelt von einem Deutschen: Schlomo Staszewski, dem Begründer des HIV-Centers an der Uniklinik in Frankfurt am Main. Die sensationellen Ergebnisse seiner Studie zur Kombinationstherapie stellt er 1994 auf dem Europäischen Aids-Kongress im schottischen Glasgow vor. Wissenschaftler in aller Welt übernehmen seine Methode und entwickeln sie weiter.

Heute sind die Überlebenschancen für Aids-Kranke so groß, dass Safer Sex droht, fast wieder altbacken zu wirken. Schlomo Staszewski ist der Sohn von Auschwitz-Überlebenden, seine Eltern sind dennoch mit ihm in das Land der Mörder gekommen. In einigen Wochen erhält er das Bundesverdienstkreuz. Wer ein Menschenleben rettet, der rettet die ganze Welt.