An jenem Tag, als Putin vom Roten Platz in Moskau zur Flottenparade auf die frisch eroberte Krim eilte, fragte der deutsche Fernsehsender n-tv seine Zuschauer: Haben Sie Verständnis für Putins Politik? Am Anfang antworteten 85 Prozent mit Ja. Kurz nach der Liveübertragung des Militärspektakels war die Zustimmung um vier Punkte gestiegen.

Was passiert da gerade in der deutschen Öffentlichkeit? Wer sich in den Medien über Fantasiezahlen des Referendums für die ostukrainischen Separatisten erregt, sollte einmal den Blick aufs eigene Publikum werfen. Offenbar gelingt es nicht mehr zu vermitteln, dass Putins Russland in einem neoimperialistischen Taumel alle Konstanten einer Politik des friedlichen Miteinanders aufgibt, um mit einer Propagandaschlacht Europa zu spalten. Selbst der vorsichtig urteilende ehemalige Regierungsberater Gleb Pawlowski stellt fest, die Moskauer Führung sei „von der europäischen Rhetorik abgekommen“. In „einer Epoche eines schweren Traumas“ herrsche heute in Moskau ein „regelrechter patriotischer McCarthyismus. Ständig wird überprüft, ob Du nicht in Wirklichkeit ein Feind bist.“

Wenn Putin vor der Wahl zum Europaparlament der Frontfrau des Front National Komplimente macht und das Orban-Regime vorbildlich findet, muss die Frage erlaubt sein, was ihn antreibt und welche Ziele er ansteuert. Da lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen des russischen Staatstheaters, wo rechtskonservative Intellektuelle und ultranationalistische Spinner schon die nächsten Stücke üben. Sie ahnen schon, dass auch die abstrusesten Ideen in einer irrlichternden neuen Ideologie ihren Niederschlag finden könnten.

Heimlicher Chefideologe

Einer hat jetzt schon mit häufiger Präsenz im russischen Staatsfernsehen und endloser Vervielfältigung über Youtube seinen Auftritt auf der Bühne der Weltgeschichte: Alexander Dugin. Der einstige Nationalbolschewist schreibt heute nicht mehr über den „authentischen, revolutionären faschistischen Faschismus“ eines künftigen Russland. Als Soziologieprofessor an der Lomonossow-Universität denkt er, der sich gern als heimlicher Chefideologe des Kreml sieht, über Eurasien nach. Und man geht nicht zu weit, in Putins Plan, der EU eine jederzeit erweiterbare eurasische Union von Portugal bis zum Fernen Osten entgegenzusetzen, Anleihen an Dugins „Gegenglobalisierung“ zu erkennen.

Kürzlich hat Dugin wieder einmal vorausgesagt, der Westen werde kollabieren, seine Irrlehren von Demokratie und Menschenrechten führten zum Zusammenbruch. Gegen diesen schwachen Liberalismus stehe ein starkes Russland in der Einheit von orthodoxer Kirche und Staat und „da Putin den Staat repräsentiert, ist er die eine Seite der russischen Identität“. Diese Sprüche gefallen dem Staatslenker, der sich vieler Glaubensbekenntnisse bedient und dem die Verwandlung vom KGB-Oberstleutnant zum orthodoxen Gläubigen offenbar nicht schwer fiel.

Vor einem Jahr, damals noch wenig beachtet, wandte sich Dugin, der sich in deutscher Philosophie auskennt, Carl Schmitt („Der Wille des Führers ist Gesetz“) und Nietzsche verehrt, an das deutsche Volk. Um das Byzantinische Reich wiederherzustellen sollten Deutschland und die osteuropäischen Staaten Eurasien beitreten. Weitgehende kulturelle Autonomie könne gewährt werden.