Kolumne zu Antisemitismus: Das Jüdische in der Moderne

Warum ist das mit dem Antisemitismus so wichtig? Es leben doch gerade mal 120.000 Juden in Deutschland, also weniger als vor dem Krieg allein in Berlin. Warum soll man immerzu über Juden und deren Befindlichkeiten reden? Heutzutage drängen sich doch ganz andere Fragen auf. Mag sein, dass Juden Angst haben; vielleicht erleben sie wirklich oft unangenehme Bemerkungen, Beschimpfungen, Bedrohungen und sogar Angriffe. Doch deswegen ständig über Antisemitismus reden? Ist das nicht übertrieben? Und kann man angesichts Netanjahus Politik in Israel nicht verstehen, weshalb die Juden so unbeliebt sind?

Solche Haltungen waren einer der Gründe, weshalb jüdische und nicht-jüdische Organisationen das Netzwerk zur Erforschung und Bekämpfung des Antisemitismus (Neba) gegründet haben. Bei ihrer ersten Konferenz „Antisemitismus: Erfassen, erforschen, bekämpfen“ zeigte sich, wie unzeitgemäß die Vorstellungen vom Antisemitismus in Deutschland sind. Die Diskussionen konzentrierten sich nicht auf Begriffe, sondern um die Frage, weshalb Antisemitismus jenseits des Gedenkens an Juden so wenig ernst genommen wird. Die Sorgen der Lebenden zählen nicht viel. Doch darüber hinaus bedeutet der moderne Antisemitismus weit mehr. Er verhindert eine Debatte zu aktuellen Fragen der Moderne, indem er diese mitsamt der Demokratie selbst zum Juden macht. Offenheit, Freiheit, Gerechtigkeit, Vernetzung Liberalität, Menschenrechte, Mobilität, Globalisierung – das sind seit je her als jüdisch empfundene Kategorien. Wer die Entwicklung der Moderne in diese Richtung als bedrohlich erlebt, mag nach antisemitischen Stereotypen greifen, um sie sich verständlich zu machen. Wer sie jedoch als die Verkörperung des Bösen interpretiert, ist vermutlich auch ein Antisemit.

Und das tun mehr Menschen als bisher. Dazu gehören Rechtsextreme, Antiimperialisten, Islamisten, Verschwörungstheoretiker oder Pegidisten, die auch mal „Judenpresse“ brüllen oder solche, die Israel mehr hassen als die schlimmsten Diktaturen. Zusammen bilden sie eine antimoderne, antiemanzipatorische Querfront.

Antisemitismus ist dazu da, sich gegen eine Welt zu wehren, in der die Freiheiten und Rechte von Individuen und Minderheiten mehr zählen als Sitten und Gebräuche, als nationale oder ethnische Privilegien. Das als jüdisch zu sehen – damit haben die Antisemiten sogar Recht. Denn in Geschichte und Theologie des Judentums sind diese gehassten Werte genau das, was das Jüdische ausmacht. Die Freiheit des Individuums entstand mit dem Gewissen. Und das Gewissen entstand in der Auseinandersetzung mit den Geboten, der Thora und dem Gesetz. Wenn Neba also heute über Perspektiven des Antisemitismus nachdenkt und diesen als Abwehrmechanismus der Moderne betrachtet, dann ist die Bekämpfung des Antisemitismus keineswegs eine Nebensache. Denn bei aller Diskussion darüber, wie die Welt aussehen müsste, um gerecht zu sein, sollten Offenheit, Freiheit, Gerechtigkeit, Vernetzung, Liberalität und Menschenrechte nicht fehlen. Es geht bei den Fragen, die Neba stellt, also nicht um das Gejammer von Juden, die sich bedroht fühlen. Es geht darum, dass der Antisemitismus die Moderne bedroht. Und die Juden. Und beides ist eine Frage der Zukunft aller.