Letzte Woche ist Deutschlands letzter Revolutionär wieder in der Schlacht gezogen. Sein Name ist Claus Peymann, außer Berufsrevolutionär ist er auch noch Intendant am Berliner Ensemble. Das Volk führt Peymann auf die Barrikaden für ein Jahresgehalt von 200.000 Euro (Selbstauskunft 2012), das ihm von dem Staat ausbezahlt wird, dessen Machthaber er gerne ein „Stachel im Arsch“ (Peymann über Peymann) sein will. Ziel seines Zorns war diesmal der Staatssekretär für Kultur im Berliner Senat, Tim Renner. Seine Aufgabe ist es, in zwei Jahren die Nachfolge von Claus Peymann und Frank Castorf zu regeln, die 2017 ihre Häuser (Berliner Ensemble, Volksbühne) besenrein übergeben müssen.

Vor den Namen Tim Renner setzen Kulturjournalisten gerne den Zusatz „ehemaliger Musikmanager“. Renner hat einmal erfolgreich die Plattenfirma Universal geleitet und ist darüber zu einer Größe im deutschen Pop-Geschäft geworden. Weil in Deutschland immer noch gilt, dass der Schuster bei seinen Leisten zu bleiben habe, sind die Begriffe „Musikmanager“ und „erfolgreich“ und „Pop“ in der Hochkultur so schwer mit tödlicher Unterhaltung kontaminiert wie die Stadt Prypjat mit Strontium aus dem nahen Tschernobyl.

Für Peymann muss die Tatsache, dass ein „ehemaliger Musikmanager“ seine Nachfolge regelt und nicht er selbst (nun: dann würde auf Peymann natürlich Peymann folgen, und zwar ad infinitum), ein Sakrileg sein. Das kann er nicht so offen aussprechen, weshalb die Sache über Bande gespielt wird, also über die Volksbühne. Dort übernimmt vielleicht ein britischer Museumsmann das Steuer, vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall weiß Peymann schon jetzt, dass die Volksbühne damit zur „Event-Bude“ wird, weil die Idee ja von einem „Musikmanager“ kommt, der, die „Fehlbesetzung des Jahrzehnts“ sei.

Kein Stachel im Arsch der Mächtigen

Das ganze Getöse ist allein durch den zum Vorschein kommenden Hochmut schwer zu ertragen. Dabei ist Tim Renners Problem vielleicht nicht einmal, zu wenig Hochkultur zu sein, sondern zu viel Angst davor zu haben. Mit seiner Ernennung war die Hoffnung verbunden, jemanden im Amt zu sehen, der die Veranstaltung Hochkultur hier und da aufsprengen kann und sie vielleicht sogar in die Stadt hinein öffnet. Von den 400 Millionen Euro Kulturetat landet schließlich der Großteil bei Opern und Theatern, wo sich die kulturellen Eliten tummeln, und nur 20 Millionen bei der Zentral- und Landesbibliothek, wo auch die Leute hingehen.

Keine zwei Jahre hat Renner noch Zeit, dann sind die nächsten Wahlen. Hier ein paar Vorschläge für seine Agenda, um die Hoffnung in ihn zu retten: 1. Die Museen öffnen einmal die Woche ihre Pforten für lau, damit auch Steuerzahler mit geringem Einkommen Kunstwerke genießen können, für die sie schon bezahlt haben. 2. Die Theater verpflichten sich, einmal im Monat eine Vorstellung in Problembezirken zu geben zu niedrigschwelligen Preisen. 3. Die Orchester der Stadt schenken den Bürgern ein langes Wochenende der Musik – im Sommer, draußen im Park. Klingt wie ein Aufstand, ist aber in angelsächsischen Ländern die Regel. Renner würde dadurch zwar kein Stachel im Arsch der Mächtigen sein, aber auch nicht das revolutionäre Subjekt im Premierenpublikum des Berliner Ensembles suchen. Vor Champagnerflöten hatte noch keine Regierung Angst.

Volker Heise, Filmemacher