Kolumne zu den Novemberpogromen 1938: Ein deutscher Monat

Lichtgrenze, Ballonpaten, Udo Lindenberg am Brandenburger Tor – ein Zauber lag über Berlin, das sich für einen Moment als Mittelpunkt der Welt fühlen konnte. Die Stadt war voller Menschen, und die in den Abendhimmel entschwindenden Ballons ergaben einen berührender Augenblick. 7000 Ballons für den November, der ein deutscher Monat ist.

25 Jahre nach dem Mauerfall inszeniert sich Deutschland, als hätte es weder ein Davor noch ein Danach gegeben, sondern nur die Erleichterung darüber, dass endlich alles vorbei ist. Doch es ist nicht vorbei. In der Pogromnacht vom November 1938 leuchtete Feuer grell aus Synagogen und geplünderten Geschäften. Es waren weit mehr als 8000 Brandherde. Nein, ich will kein Spielverderber sein, dieses Jahr feiern wir den Fall der Mauer. Aber ist ja auch kein Spiel, sondern Erinnerung an die Tatsache, dass die Daten von Mauerfall und Pogrom einen inneren Zusammenhang haben.

Hätte sich die Bevölkerung in Deutschland damals dagegen gewehrt, dass aus ihrer Mitte heraus Nachbarn und Freunde gebrandmarkt und geschändet wurden, würde keine Feier zum Mauerfall nötig sein.

Der Novemberpogrom 1938 machte den Weg frei zu allen folgenden Grausamkeiten, an dessen Ende die Welt am Boden lag. Ohne Krieg und Vernichtung keine Mauer. Ohne Mauer kein bis in sein Inneres zerfurchtes Deutschland, das bis heute mit sich hadert. Mit Ost und West, der Erinnerung und der Abwehr der Erinnerung in die eine oder andere Richtung. Die einen wollen vergessen, was für ein Unrechtsstaat die DDR war und die anderen leugnen, dass der Nationalsozialismus vom deutschen Volk getragen wurde.

Der November steht für die Selbstauflösung der DDR durch den Mauerfall und die Selbstenthauptung Deutschlands durch den Holocaust, der mit dem Novemberpogrom begann. Und er steht für die Selbstenttarnung des Terrorgruppe NSU und wie der demokratische Staat bis heute versagt, wenn es um seine Verwicklungen mit den Nazis geht. Drei Jahre ist es her, dass die NSU-Nazis aufflogen, die Bomben zünden, Menschen ermorden und Banken ausrauben konnten, ohne dass sie jemand davon abhielt – auch das gehört zu den Novemberdaten.

Die Mauer hat wenig zur Sühne beigetragen

Als ich am Morgen nach der Maueröffnung über die Bornholmer Straße nach Westberlin ging, sah ich einige Vietnamesen vor der Mauer stehen. Jemand hatte schon ein Loch hineingeschlagen, und die Vietnamesen überlegten noch, was es für sie bedeuten würde dort hindurchzugehen, als jemand sie anschrie. Deutschland den Deutschen. Es ging schon los, gleich am ersten Tag. Auch die Türken auf der anderen Seite der Mauer, die dort Obst verschenkten, kriegten etwas vom Hass ab. Das zu erleben, war für mich ein Schock und ist es geblieben.

40 Jahre war ein Teil der Deutschen eingesperrt in der DDR. Im Gegensatz zur Geschichte von Moses, der sein Volk zur Strafe für seine Sünden, 40 Jahre lang durch die Wüste wandern ließ, hat die Mauer zur Sühne wenig beigetragen. Dies geschieht erst, wenn die Deutschen verstehen, dass ihre Teilung dort endet, worin alle Pogrome ihren Grund haben: Sie haben dem Mob erlaubt, sich am „Undeutschen“ zu vergehen. Mein Ballon hat den Wunsch getragen, dass dies nicht mehr passiert. Nirgendwo in Deutschland.