Die vielen Flüchtlinge, die derzeit auch in Berlin eintreffen, geben Anlass, an eine besondere Institution zu erinnern: den Auswandersaal im Schlesischen Bahnhof von Berlin, dort bis 1933 betrieben vom Hilfsverein der Deutschen Juden. Seit 1901 hatte der von Paul Nathan gegründete Hilfsverein rund 200.000 osteuropäische Juden unterstützt, die vor Armut, antisemitischer Willkür und Pogromen flohen, um sich in Hamburg, Bremerhaven, Rotterdam oder Antwerpen nach Übersee einzuschiffen, zumeist in das Traumland USA. Arm und abgerissen, oft hungrig und krank strandeten sie nach tagelanger Zugfahrt im Schlesischen Bahnhof, dem heutigen Ostbahnhof, der in seiner Geschichte ferner die Namen Frankfurter Bahnhof und Hauptbahnhof trug.

Wie es im Auswanderersaal einst zuging, schilderte ein Anonymus 1930 in der Zeitung Abend und betrachtete den Ort als „ein Stück Weltgeschichte“: „Inschriften in jiddischer, russischer und polnischer Sprache künden, dass den Besuchern Tee in jeder Menge, wenn nötig, Unterkunft und, was oft viel wichtiger ist, Auskunft und Rat umsonst erteilt wird. Die Geschichte des Hilfsvereins der Deutschen Juden ist die Geschichte des europäischen Ostens. Im Jahre 1903 setzten in Russland, in Kischinew und Gomel die Pogrome ein, um sich drei Jahre hindurch zu wiederholen. Abschlachtungen, Schändungen und Verfolgungen sind an der Tagesordnung. Bei Nacht und Nebel, oft ihr letztes Hab und Gut zurücklassend, fliehen die Verfolgten. Im Jahr 1907 ist die Zahl der rumänischen Auswanderer besonders groß: Die Agrarunruhen haben zu wüsten antisemitischen Ausschreitungen geführt.“

Sobald ein Einwandererzug avisiert wurde, nahmen die Angestellten des Hilfsvereins die Neuankömmlinge in Empfang: „Für die ärztliche Behandlung sorgt man nach Kräften, und vor allem müssen von den Emigranten schädliche Elemente ferngehalten werden. Nicht umsonst ist der Schlesische Bahnhof Hauptarbeitsgebiet der Fledderer.“ Nicht selten fehlten „den Armen und Bedrückten“, die die Heimat verlassen hatten, „um draußen in der Welt nach einem unsicheren Glück zu jagen“, gültige Papiere, nicht selten hatten ihnen Betrüger gefälschte Schiffsfahrkarten angedreht – um all das kümmerten sich die Leute vom Hilfsverein. Ihre Jahresberichte geben ein lebendiges Bild davon, wie sie mit den Spenden wohlhabender Juden versuchten, die Bedrängten zu schützen, ihre Nöte zu lindern: „Es spielen sich unzählige Tragödien einzelner Personen und ganzer Familien von unbeschreiblicher Furchtbarkeit ab – verzweifelte Kämpfe entwurzelter Menschen um ein Heimatrecht oder wenigstens um ein Aufenthalts- oder Arbeitsrecht, hoffnungslose Trennungskonflikte und Wandertragödien, in die Frauen und Kinder, Greise und Kranke unlöslich verstrickt sind.“

In ihrem Jahresbericht für 1930 beklagten die Geschäftsführer des Vereins „die starre Immigrationspolitik“, die fortschreitende „Missachtung von Menschenrechten und Humanitätspflichten“. Sie taten, was in ihren Kräften stand, um die Gestrandeten, „die unglücklichen Opfer der Nachkriegsverhältnisse einem Ziel zuzuführen, das ihnen Entwicklungsmöglichkeiten und Entwicklungsfreiheit gibt, sie vor Verfall und Untergang bewahrt“.