Wann ist ein Mann ein Mann? Vor 30 Jahren warf Herr Herbert Grönemeyer diese Frage auf, spielte ein bisschen mit der Ambivalenz von Stärke und Verwundbarkeit: Raketen bauen und heimlich weinen, Muskeln, Klugschiss – Herzinfarkt. Hart contra weich also. Und fand zu der ziemlich provisorischen Erkenntnis, dass Männer „auch Menschen“ sind. Herrje.

Seine Frage harrt weiter einer stabilen Antwort. Und stiftet derweil enorme Verwirrung. Bald begannen sich Männer allüberall zu rasieren. Nur noch aalglatt galt als echt „cool“ (ein Begriff noch leerer als der der Männlichkeit). Nun lassen sie es sprießen.

Neulich, beim Durchblättern des Bordmagazins einer Airline, fiel mir auf, wie viel Haar die Boys im Gesicht tragen. Ich sah lauter Krisenvisagen, blass und furchtbar ernst. Milchbubis mit Bart, die guckten, als habe ein nuklearer Erstschlag just all ihr Spielzeug hinweggefegt.

Fachorgane wie GQ und Men’s Health warten mit „Pflegetipps“ auf (Trimmen, ölen, kämmen!). Frauenblätter vermelden den „Promi-Trend“ mit Schlagzeilen wie „Bart, aber herzlich“ (Glamour). Anfang des Jahres bemerkte selbst Bild: „Wir sind voll Bart, Mann!“ Und verkündete, stets in historischen Dimensionen denkend: „Das Zeitalter des Softies ist vorbei!“ Dann kam, als Pointe, Conchita Wurst.

Man muss sich fragen, woher dieses Comeback einer Symbolbehaarung rührt, die schon den Pharaonen, als, wie die Fachliteratur vermerkt, „Zeichen viriler Omnipotenz“ galt. Ist es nur einer der Pendelschläge, die der Mann auf seinem wohl hundert Jahre währenden Weg zu neuem Selbstverständnis durchleben muss? Liegt es vielleicht daran, dass unsere Wirtschaft immer weniger schafft, nur noch Fiktionen fabriziert? Und die Zukunft schon dreimal verkauft hat?

Fakt ist: Mittlerweile tragen die unangenehmsten Zeitgenossen Bart – Franck Ribéry, Kai Diekmann sowie natürlich sämtliche Herren vom Islamischen Staat. Womit wir beim derzeit verstörendsten Phänomen postmaskuliner Selbstsuche sind: Jenen Jungmännern, die sich in Berlin, Bad Homburg und sonstwo das Kinn zuwachsen lassen, ihren Perso und den Schlafsack schnappen und Richtung Südosten reisen, geradewegs in den Dschihad. In ein Leben wie im Killer-Videospiel. Vom Underdog zum „Topdog“. Und hier, lieber Leser, ist leider Schluss mit lustig.

IS ist mehr als ein Pendelschlag

Erklärungen sind nicht einfach: Manche haben Abi, andere keinen Job. Migranten der x-ten Generation sind ebenso dabei wie ur-deutsche Konvertiten (und sogar ein paar Frauen!). Gleiches geschieht auch in Paris, London und Madrid, in Tunis und Hyderabad.

Was allen gemein zu sein scheint: Dass sie Anfang 20 sind, geile Killer-Videos gucken und ihr Heil plötzlich in einem Gottesbild finden, das keine Toleranz, keinen Zweifel und keine Gnade kennt. Schließlich in die Wüste ziehen, um Werkzeug zu werden, zu schießen, Köpfe abzuschlagen und Ehebrecherinnen zu steinigen. Und darüber per WhatsApp und Instagram zu prahlen. Auf der Suche nach Gemeinschaft.

Wie gesagt: Viele Faktoren sind im Spiel. Doch Identität und Sinnsuche scheinen Kernelemente zu sein. IS ist mehr als ein Pendelschlag. Es ist ein verheerender Rückschlag für die offene Gesellschaft. Und auch die brutalstmögliche Antithese zum neuen Mann.