Ein Mensch, so heißt es im Jiddischen, ist jemand, der ein gutes und mutiges Herz hat. Ein wahrer Mensch braucht weder Applaus noch Heldentum, er benimmt sich einfach so, als wäre dieses Wort eine Auszeichnung und nicht allein ein Gattungsbegriff. Seine Herkunft ist unwichtig - nur gerecht soll er sein in diesem Leben und dieser Welt. In diesem Sinne ein Mensch zu sein bedeutet sich mit Wärme und Verstand in jene Gebiete menschlicher Untiefen vorzuarbeiten, die den meisten zu verwirrend und mühsam erscheinen.

Claudia Dantschke ist so ein Mensch. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit der Deradikalisierung junger Muslime in Deutschland. Sie will verhindern, dass sie zu Hass aufstacheln oder gar zu Tätern werden und in den Jihad ziehen. Dazu muss sie sich gut auskennen über verschiedenste Gruppen im Islam, von denen nur wenige Jihadisten sind, und über Christen, Kopten, Aramäer, Jesiden, Alewiten, Bahai, die in Deutschland ihre Heimat haben, und von deren Existenz und Situation nun auch wir durch die Nachrichten erfahren.

Reden mit Familien und Imamen

Die Besessenheit vieler westlicher Medien kreist so laut über Israel und den Palästinensern und vergröbert damit in fahrlässiger Weise Konflikte wie Chancen, dass nichts anderes mehr zu hören bleibt. Die deutsche Öffentlichkeit geht über alles hinweg, das nichts mit ihrem „Judenknacks“ und Israel zu tun hat. Debatten dieser Art ignorieren eine Alltagsrealität hinweg, in der junge Menschen sich weiter radikalisieren. Deutsche wie Einwanderer, Muslime wie Neonazis, die bei all ihrer Verschiedenheit zumindest etwas eint: ihr Antisemitismus.

Claudia Dantschke informiert gern über ihr Projekt „Hayat“ (Leben), das radikalen Muslimen einen Ausstieg ermöglicht. Doch sie tut es atemlos, weil sie nie so viel arbeiten kann, wie es ihr der Sog aus Erfolgen und Gefahren abverlangt. Sie besucht Familien, die sich um ihre Söhne sorgen, wenn die plötzlich aus der Religion eine aggressive Ideologie machen, sie versucht die Auslöser für deren Radikalisierung zu finden, fragt, vermittelt, beruhigt erhitzte Gemüter, beunruhigt gleichgültige Amtsinhaber in Behörden.

Weitere Katastrophen verhindern

Claudia Dantschke weiß, welche Imame helfen und wie sie freidrehende Jugendliche wieder auffangen können. Den Unterschied zwischen politischem Islamismus und der Religion Islam gibt es eben doch. Dantschke geht es um mehr als nur zu unterscheiden, sie will eine Debatte innerhalb der Communitys über Gleichwertigkeit, über Antisemitismus, über Eigenverantwortung und Ausstieg aus radikalen Milieus. Wenn eine solche Auseinandersetzung hier gelingt, kann sie überallhin getragen werden.

Im Gegensatz zu den meisten, die über Muslime reden, interessiert sich Claudia Dantschke ernsthaft für sie. Deshalb weiß sie auch, was ein Projekt wie das ihre gegen Islamismus auszurichten vermag. Radikalisierte Muslime zu verdammen oder zu heroisieren, ist einfach. Besonders Dumme fordern deren Ausweisung aus Deutschland und noch Dümmere feuern sie an. Ein wahrer Mensch, wie Dantschke einer ist, macht sich die Mühe, kümmert sich mit den Mitteln des Rechtsstaates und verhindert weitere Katastrophen.

Damit fordert sie uns alle heraus, gerecht zu sein. Mit Klarheit, Verstand und der dafür notwendigen menschlichen Wärme.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.