Berlin - Männer tragen in Deutschland keine SS-Uniformen mehr. Und sie pinkeln im Sitzen. Viele junge Israelis geraten ins Staunen und Schwärmen, wenn sie Berlin besuchen oder sogar ganz hierbleiben. Es hat sich halt doch einiges getan in der Zwischenzeit. Berlin ist hipp für junge Juden, auch wenn die Beachpartys an den Spree, na ja, nicht ganz mit denen in Tel Aviv mithalten können. Es gibt israelische Szenekneipen und ein hebräisches Stadtmagazin. Es heißt „Spitz“ und ist eine Idee von Tal Alon. Die Journalistin lebt schon seit sechs Jahren hier. Wie sie, sind viele Studenten und Wissenschaftler gekommen. In der Gruppe „Israelis in Berlin“ werden die Neuen an die Hand genommen. Wie funktioniert unsere Krankenversicherung, wo gibt es Jobs oder Wohnungen?

Vor allem junge Kreative und Künstler zieht es in die deutsche Hauptstadt. Eine neue Generation macht Party im Land der Mörder ihrer Groß- oder Urgroßeltern. „Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen“, das ist der Titel eines Symposiums im April, das deutsche und israelische Autoren zusammenbringen soll. Mehr als 20.000 junge Israelis leben in Berlin. Und Tausende Deutsche fahren jedes Jahr nach Israel.

Erst 50 Jahre ist es her, dass sich Israel Deutschland gegenüber soweit öffnen konnte, um Botschafter auszutauschen. Wenige Jahre zuvor hatte die deutsche Volksgemeinschaft noch versucht, alles Jüdische auszulöschen. Bald darauf saßen viele Täter schon wieder in Amt und Würden. Es waren deshalb Wissenschaftler und keine Politiker, die diese Aussöhnung einleiteten. Seinen Namen kennen nur wenige, aber der „Chefdiplomat“ der ersten offiziellen Begegnung zwischen der jungen Bundesrepublik und Israel heißt Josef Cohn, der 1933 aus Deutschland emigriert war. Er knüpfte die ersten Kontakte, die dazu führten, dass im Dezember 1959 eine Delegation der Max-Planck-Gesellschaft sich von Zürich aus nach Israel aufmachte. An der Spitze der Nobelpreisträger Otto Hahn, Kernspalter und entschiedener Gegner der Nazis. Er hatte mit seiner Frau Edith Lebensmittelmarken für Hunderte illegal in Berlin versteckt lebende Juden organisiert.

Die kleine Delegation besuchte damals das Weizmann Institut in Rehovot. Der Chemiker und erste israelische Staatspräsident Chaim Weizmann hatte es 1934 nach dem Vorbild der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft aufgebaut. Er hatte in Darmstadt und Berlin studiert. Heute ist das kleine Israel eine führende Wissenschaftsnation mit der höchsten Akademikerdichte weltweit. Und die Zusammenarbeit mit Deutschland? Beeindruckend. Zwischen deutschen und israelischen Hochschulen bestehen 168 Kooperationen. Forschungsministerin Wanka listete gerade mehr als 5 000 gemeinsame Publikationen innerhalb der vergangenen fünf Jahre auf.

Am Ende der gewagten Reise Otto Hahns nach Israel, immerhin hatten damals 40 Prozent der Deutschen kein Interesse an Beziehungen zu Israel, steht ein berühmtes Foto: zwei alte Männer im Waldorf Astoria in New York – Adenauer und Ben Gurion. Eine Sensation. Es sollte noch fünf Jahre dauern, bis 1965 Deutschland einen ehemaligen Wehrmachtsoffizier als Botschafter nach Israel schickte und Israel einen Wiener Juden nach Bonn. Man blieb sich seiner eigenen Geschichte treu. Und heute? „Wir vergessen nicht, wir tanzen!“