Mit freien Wahlen werden weder Ägypten noch die Ukraine in eine gedeihliche Zukunft finden. Dazu bedarf es vieler Zwischenschritte: weniger Korruption, bessere wirtschaftliche Perspektiven, Kompromissbereitschaft, allseits geachtete Institutionen der Gesetzgebung und der Rechtspflege. Gebraucht werden Parteien, die unterschiedliche Interessen vertreten, sich nicht als Todfeinde bekämpfen und die Interessen von Minderheiten achten. Es geht um den Ausgleich großer sozialer und regionaler Spannungen. Nicht dass der Druck von unten falsch wäre, er hat in jedem der genannten Länder Gründe. Doch müssen sich zu den Agitatoren der Straße geduldige Reformer gesellen, Vermittler und Überläufer aus den jetzt herrschenden Eliten.

Wer solche Prozesse von außen fördern will, sollte auf den billigen Barrikadenjubel des Zuschauers und den besserwisserisch erhobenen Zeigefinger verzichten. Man denke an den unsäglichen Auftritt des schon fast abgewickelten Außenministerdarstellers Guido Westerwelle am 4. Dezember 2013: Begleitet von Vitali Klitschko, vielen Kameras und, wie Bild vermerkte, „nur sechs Bodyguards“ stolzierte er über den Kiewer Maidan-Platz, um die Demonstranten deutscher Rückendeckung zu versichern. Zum Glück leitet Frank-Walter Steinmeier wieder das Auswärtige Amt. Er argumentiert klar gegen „Gewalt, egal von wem sie ausgeht“. Er sucht vertrauliche Gespräche mit Vertretern aus Regierung und Opposition, er verweist auf die Sitzung des ukrainischen Parlaments an diesem Dienstag und darauf, dass keine „Mühe bei der Suche nach einer politischen Lösung“ gescheut werden dürfe.

Realitätsblind

In Kiew kämpft mittlerweile die besonders militante Gruppierung Rechter Sektor gegen die Staatsmacht. Ihre Anhänger sehnen sich „nach einem echten nationalen Führer“. Ähnlich unangenehm tritt die ultranationalistische Swoboda-Partei während der Proteste hervor, und es widerspricht aller Erfahrung, von Julia Timoschenkos Vaterlandspartei rechtsstaatliche Zustände zu erwarten.

Es war und bleibt realitätsblind, wenn viele Politiker und noch mehr Journalisten von der „DER Opposition“ faseln. Weder in Kairo noch in Bangkok, Kiew oder Damaskus gab es jemals DIE Opposition, sondern nur Agglomerationen verschiedenartiger Unzufriedenheiten. Wer die Aufstände in arabischen Ländern als „Frühling“ der Freiheit glorifizierte, handelte grob fahrlässig.

In der Ukraine und in Thailand sind demokratisch gewählte Regierungen im Amt; in Ägypten wurde die gewählte Regierung der Muslimbrüder vom Militär weggeputscht, und zwar zur allgemeinen Erleichterung. In Bangkok verhindern Oppositionelle, die hauptsächlich aus einer royalistischen Minderheit bestehen, nach Kräften Neuwahlen. Was wäre Europa erspart geblieben, wenn sich das zaristische Russland, das kaiserliche Deutschland und Österreich-Ungarn in dem Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg zu konsequenten Reformen entschlossen hätten, dazu von außen ermutigt und gedrängt worden wären? Es gehört viel Geschichtsvergessenheit dazu, wenn westliche Europäer nach den Grausamkeiten ihres 20. Jahrhunderts Volkszorn, Barrikadenbau und gesteigerten Großgruppenhass als Vorboten von Freiheit und Recht verherrlichen.