Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle Sascha Lobo von der Seite angepflaumt. In der FAZ hatte er zuvor einen Artikel veröffentlicht, in dem er seinem Irrtum über die emanzipatorische Kraft des Internets eingestand. Einen Internet-Flüsterer habe ich ihn genannt, was nicht ganz fair war. Ich entschuldige mich förmlich, denn der Fall liegt tiefer. An der sogenannten Netzgemeinde waren schon immer drei Eigenschaften deprimierend: ihre Verachtung für das Handwerk, ihre Blindheit vor der Geschichte und ihre mangelnde Selbstreflexion.

Der Verachtung für das Handwerk liegt wahrscheinlich der Gedanken zugrunde, mit einem guten Algorithmus ließe sich alles für nichts produzieren, ohne dass man etwas von der Materie verstehen müsste. Filme und Musik, Bücher und Bilder sind unter die Räuber gefallen. Wer als Künstler darauf bestand, für seine Arbeit bezahlt zu werden, bekam beim Blick auf das leere Konto entgegnet, er habe noch nicht das richtige Geschäftsmodell entwickelt. Die Idee, dass ein Honorar nicht nur Lohn ist, sondern auch Achtung und Respekt vor einer Leistung ausdrückt, die auf Kenntnis und Wissen beruht, hat sich nicht herumgesprochen. Kein Gedanke wurde auch verschwendet an die Möglichkeit, Politik könne ein richtiger Beruf sein, den man lernen muss, der Geduld und Können verlangt und der sich nicht an Mitbestimmungsprogramme delegieren lässt. Die Folge ist das Versagen des politischen Arms der Netzgemeinde, der Piraten, der ein Aufbruch einer Generation hätte werden können.

Der französische Philosoph Paul Virilio hat immer wieder darauf hingewiesen, dass es keinen Fortschritt ohne Verlust gibt. Im Angesicht des 20. Jahrhunderts und seiner Katastrophen könne man nicht mehr davon ausgehen, dass technische Innovationen sich durchsetzen, ohne neue Katastrophen zu hervorzubringen. Wer davor die Augen verschließt, lebt in selbstverschuldeter Blindheit. Wahrscheinlich ist die Generation der Atomkraftvisionäre die letzte, die mit einem ähnlich naivem Fortschrittsglauben an ihr Werk gegangen ist wie die Netzgemeinde. Unter den Atomkraftvisionären waren viele Sozialdemokraten, die eine aufrichtige Hoffnung auf die Zukunft hatten: unendlich viel Energie, sauber und billig, für das Gemeinwohl. Was Tschernobyl für die Atomkraft war, ist Snowden und der NSA-Skandal nun für das Internet: das Ende der Träume.

All das wäre nicht mehr als billige Häme und Nachtreterei, hätte Lobo in seinem Artikel nicht wieder den Mangel an Selbstreflexion unter Beweis gestellt. Statt einen Moment innezuhalten und den eigenen Anteil an den Ereignissen in den Blick zu bekommen, teilt er die Welt auf in gute, aber naive Netzaktivisten, und böse, aber schlaue Überwachungsapparate. Tatsächlich sind es zwei Seiten einer Medaille. Die Apparate brauchten die fröhlichen Verkünder der neuen Freiheit, um gesellschaftsfähig zu werden. Nur das Versprechen auf eine leuchtende Zukunft bringt Menschen dazu, sich in größere Abhängigkeit zu stürzen. So sehr die Netzgemeinde Avantgarde einer Illusion war, so sehr war sie nützlicher Idiot der neuen Macht. Solange Sascha Lobo und andere Vertreter der Netzgemeinde diesen Teil der Geschichte nicht reflektieren, solange haben sie uns auch nichts mehr zu sagen. Es gibt keinen Fortschritt ohne Verlust.