Nun fürchten sich also alle vor den Schotten. Kein Wunder: Das waren immer schon Sonderlinge. Sie tragen als Männer Röcke, beherbergen Monster in ihren Seen und essen Haggis, eine schwer verdauliche Mixtur, die sich mit Saumagen vergleichen lässt. Aber wäre eine Unabhängigkeit Schottlands wirklich der nächste politische Supergau, der endgültige Anfang vom Zerbröseln Europas? Nicht, wenn man in Kategorien der Zukunft denkt. Wie wird Europa in 30 Jahren aussehen? In jedem langweiligen Papier der EU steht das im Grunde drin: Europa wird das Europa der Regionen!

Glokalisierung nennen Zukunftsforscher diesen Trend. In der globalen Lebenswelt orientieren sich Menschen an zwei Dimensionen: Anker und Horizont. Einerseits brauchen wir Wurzeln, Landschaften, Kulturen, mit denen wir uns identifizieren können. Man mag das Heimat nennen, es wird in einer mobilen Welt aber auch mehr und mehr eine Wahlheimat sein. Gleichzeitig sind wir längst kosmopolitisch. Auch im hintersten Tal hat man Internet. Europa spricht Dialekt und englisch. So kehrt das Regionale zurück, ohne spießig zu sein: Vom Lokal-Food über den Lokalkrimi bis zur Designer-Tracht kann man das an den kulturellen Oberflächen längst spüren. Ökologisches Denken ist nichts anderes als die Verbindung von lokal mit global. Warum können sich in diesem Sinne nicht unabhängige Regional-Staaten auf vielfältige Weise miteinander vernetzen? Warum kann nicht Katalonien Teil eines komplexen Europas werden – und die Spanier mehr zu ihren kastilischen Wurzeln finden? Südtirol macht vor, wie man sich als Region neu erfindet. Lernen wir nicht auch in unseren Liebes-Verhältnissen, das mehr Autonomie zu besserer Beziehung führt?

Voraussetzung dafür wäre, dass das Regionale sich vom dumpfen Nationalismus emanzipiert. Die schlimmsten reaktionären Denkweisen finden wir heute in Ungarn. Dieser Variante gilt die Angst vor der schottischen Sezession. Aber die Schotten sind ein altes Seefahrer- und Erfindervolk. Viele Errungenschaften der industriellen Revolution gehen auf schottische Tüftler zurück. Sie haben gewichtige Vertreter in den Ring der Menschheits- und Aufklärungs-Ideen geschickt: David Hume, Adam Smith (nun gut, ein Halb-Engländer). Robert Louis Stevenson erfand die Metapher von Doktor Jekyll und Mister Hyde. Die schottische Kultur ist in Vielem europäischer, womöglich sogar weltoffener als die englische.

Das neue Mittelalter, das jetzt viele beschwören, muss so schrecklich nicht werden. Sind nicht eher die alten Nationalstaaten das Problem? Das gloriose Frankreich geht sich selbst und Europa gehörig auf den Wecker. Deutschland ist irgendwie zu groß und sperrig. Italien – oweh. Am vitalsten sind heute die stolzen Regionalstaaten: die baltischen und skandinavischen Länder, Slowenien, Holland, und Portugal sowieso. Dort versteht man, dass Europa die Verfassungsgarantien mehr und mehr übernimmt und man sich deshalb besser und klüger um seine Bürger kümmern kann. Fürchten müssen wir uns nicht vor einer Überwindung der Nationalstaaten, sondern vor ihrer Erstarrung in einer dynamischen Welt.

PS: Man kann mehr lokale Autonomie natürlich auch innerhalb eines rechtlich größeren Konstrukts erringen.