Seit Wochen tobt in Berlin die Frage, warum New Yorker nicht mehr glauben, unser Dorf sei die coolste Stadt der Welt. Es war ein schlimmer Tag, als der Artikel im Rolling Stone erschien, denn er traf unseren Stolz.

Schlimm war auch der Tag, an dem die Eröffnung des hiesigen Flughafens verschoben werden musste. Inzwischen haben wir uns an den Gedanken gewöhnt, dass den Flughafen das gleiche Schicksal ereilt wie die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, was insgesamt auf einen zivilisatorischen Fortschritt schließen lässt: Früher hat man für eine Ruine noch einen Krieg gebraucht, heute tut es eine unfähige Verwaltung ohne jede Form von Gewaltanwendung.

Überall in der freien und unfreien Welt wäre eine Regierung über dieses Desaster gestürzt, nur hier tuckert der Senat alternativlos vor sich hin. Die Stadt ist ja irgendwie unkaputtbar, solange das Geld aus Bayern kommt und man den Staatsgästen aus dem Ausland kein Dreckloch vorsetzen will.

Ranziger Ost-Charme, ranziger West-Charm

Die alten Flughäfen in Tegel verströmen außerdem den Berlin-Flair, den die Touristen so sehr lieben. In Schönefeld ist es der ranzige Ost-Charme, in Tegel ist es der ranzige West-Charme. Irgendwer muss in einem Easyjet-Magazin auch geschrieben haben, dass man mit offener Bierflasche durch Berlin ziehen muss, um als Einheimischer anerkannt zu werden – und dass es zum guten Ton gehöre, schon am ersten Abend auf dem Weg vom Wedding nach Neukölln auf dem U-Bahnhof Hermannplatz in den Papierkorb zu kotzen.

Einmal habe ich schwedische Touristinnen dabei beobachtet, wie sie in der Nähe des Brandenburger Tores überquellende Mülleimer fotografiert haben. Seitdem kann ich mir vorstellen, wie Dia-Abende über Berlin in Stockholm idealerweise auszusehen haben: Das ist Agneta, die auf der Rolltreppe Warschauer Straße Wasser lässt, und das ist Björn mit Alkoholvergiftung im Rudolf-Virchow-Krankenhaus.

Jahrzehntelang war es auf dem Platz vor unserem Haus gute Sitte, Straßenmusikern aus dem Fenster Geld zuzuwerfen. Entweder waren es Rumänen, die so taten, als wären sie Italiener, oder Russen, die so taten, als wären sie Mexikaner. Manchmal waren es auch Berliner, die sich als rumänische Russen ausgaben und aztekische Liebeslieder plärrten.

Letzten Sommer kamen amerikanische Country-Sänger, die sich als amerikanische Countrysänger ausgaben. Sie brachten einen Verstärker mit und verwandelten den Platz in die Hölle von Nashville. Als ich darum bat, den Verstärker leiser zu drehen, weil Country nicht so mein Ding ist, wurde ich auf Englisch als Scheiß-Schwabe beschimpft.

Wir bleiben für immer cool

Anfang der 90er-Jahre habe ich einen Ausflug in das Umland von München unternommen. Während einer Rast in einem Biergarten sah man gegenüber Baggern dabei zu, wie sie ein altes Bauernhaus niedermachten, während ein Schild davor ankündigte, hier würden in Kürze zwanzig moderne und echte bayerische Landhäuser entstehen.

Vielleicht gibt es ja einen Moment, wo das Original überflüssig wird, weil es dem Klischee nicht mehr entspricht. Vielleicht gibt es ja den Moment, wo das Image stärker ist als die Wirklichkeit und es nur noch einen Ausweg gibt: das Rathaus von Berlin stürmen und Putin um Hilfe bitten. Noch ein Krieg, und es kommen mehr Touristen als nach Pompeji – und wir bleiben für immer cool.