Kolumne zum Ersten Weltkrieg: Hundert Jahre Erster Weltkrieg, 2

SCHEITELREISSER BEI VERDUN - Mein 1912 geborener Vater erzählte mir oft, wie schrecklich es war, als sein Vater als geschlagener, verhärteter Soldat 1918 heimkehrte. Bis dahin war das Leben mit Mutter und Großmutter schön gewesen, dann nicht mehr. Reserveleutnant Wolfgang Aly (1881–1962), von Beruf Altphilologe, hatte als Batteriechef gedient. Mit verlängerten Haubitzrohren (Kaliber 10,5) erzielte er „fabelhafte Schussleistungen“ („In einer Nacht 1000 Granaten hinübergejagt!“) und lag bei Verdun selbst unter gut sitzendem Gegenfeuer – so bezeichneten Scheitelreißern.

Über einen Heimaturlaub, den er 1917 nach einem glimpflich überstandenen Gasangriff erhielt, notierte er: „Ich war zum ersten Mal wirklich erledigt, konnte den Kinderlärm nicht aushalten und musste weiter nichts als gepflegt werden.“ Bei Kriegsende berichtete meine „erschreckend abgemagerte“, damals 35-jährige Großmutter ihrer Mutter: „Wolfgang ist so angegriffen, dass er, wo er sitzt, auf jeder Bank einschläft.“

Von sich schrieb sie: „Mit meinen Nerven ist es schlimmer denn je. Ach, bete mit mir zu Gott, dass ich den Meinen kein Unglück bringe.“ Jetzt sah sie, was sie aus Vaterlandsliebe vier Jahre lang verdrängt hatte: „… wie schlecht es uns eigentlich geht. Wer kann absehen, ob unsere Jugend nicht einen Schaden fürs Leben behält.“ Bald erkrankte und starb ihr ältester Sohn an Tuberkulose.

Wolfgang Aly stammte aus dem höheren preußischen Bürgertum. Als Batteriechef schwärmte er von seinem „prächtigen“ Feldwebel: „Furcht kannte er nicht. Ich wollte ihn zum Offizier machen und forderte ihn auf, sich zu melden. Er antwortete mir: ‚Mein Vater ist Schneidermeister. Ich möchte Unteroffizier bleiben. Ich passe nicht in diese Gesellschaft.‘ Aber das EK I hat er bekommen.“

Über seinen im Sommer 1916 vorgesetzten Hauptmann schrieb Aly: „Er soff und war dann unberechenbar. Er war ein Schlemmer und verlangte an der Front Genüsse, die ich kaum dem Namen nach kannte. Und er war in der Hand von Juden. Der Gefreite Kohn (Mannheimer Bankier) regierte den Stab. Er sorgte dafür, dass noch mehr Juden untergebracht wurden und kaufte in Deutschland ein. Mit Ingrimm sah ich, welche Mengen von Nahrungsmitteln der hungernden Heimat auf diese Weise entzogen wurden. Dass ich Frau und fünf Kinder zu versorgen hatte, wurde beim Stabe nur verlacht. Jedesmal, wenn Kohn schwer beladen aus der Heimat zurückkam, war ein großes Fest.“

Hier wurde ein späterer Nationalsozialist geformt, und nicht nur einer. In den Schützengräben überwanden zigtausend Bürgersöhne ihren Klassendünkel. Sie sahen die inneren Feinde nicht länger in den Plebejern, die sie jetzt als verlässliche Kameraden schätzen lernten, sondern in „den Juden“. Der Krieg beschleunigte diese Dynamik ungemein, und die NSDAP nahm sie bald mit großem Effekt auf. Sie integrierte sozial gewordene nationale Intellektuelle, sozialistisch vor- und national nachgeprägte Arbeiter, Handwerker und Angestellte. Letztere hatten an der Front Selbstbewusstsein gewonnen und verlangten hernach Anerkennung und besseren Chancen für ihre Kinder. Die national-soziale Volksgemeinschaft war geboren.

In der nächsten Kriegskolumne berichte ich vom Heldentod meines Großonkels, des Forstassessors Wilhelm Rohnert.