Kolumne zum Genozid an den Armeniern: Alles Unverarbeitete wird uns vergiften

Das Schiff legt ab. Es brummt und ruckelt und macht sich daran den Bosporus von Asien nach Europa zu überqueren. An Deck stehen und sitzen hunderte Armenier aus dem Exil, Türken, die vom Verdrängen genug haben und Freunde von überallher, die an den Genozid erinnern wollen. Als das Schiff Fahrt aufnimmt und Wind aufkommt, beginnt eine Frau zu singen. Es ist ein armenisches Lied – voller Trauer jedoch ganz ohne das Pathos.

Vorn auf dem Schiff steht Anita, eine blonde, kräftige Frau. Sie hat einen roten Mantel an und die Hände tief in den Taschen vergraben. Ihr bläst der Wind ins Gesicht, doch sie wendet sich nicht ab. Anita kam aus Belgrad hierher. Sie war, als das Gemetzel in Jugoslawien begann, gerade sieben Jahre alt. Ihr Gesicht ist verschlossen. Von Sentimentalität keine Spur - sie will nur, dass ihre Welt in Ordnung kommt.

Sich heute in Serbien für Minderheiten einzusetzen, ist nicht lustig. Dafür braucht sie ein dickes Fell. Sie könnte auch etwas anderes tun, als sich für ein Zusammenleben mit Roma, Muslimen und Juden einzusetzen. Wie die meisten in ihrem Alter könnte sie die Vergangenheit einfach verdrängen. Anita will das nicht, nicht als Kind einer Tätergeneration von Serben, durch die der Begriff „ethnische Säuberungen“ in den allgemeinen Sprachgebrauch überging.

Neben Anita auf einem der Gartenstühle an Bord sitzt die Mutter von Sevag. Sie ist Türkin. Ihr Sohn wurde 2011 genau am Jahrestag des Genozids beim Militärdienst von einem Kameraden erschossen. Warum? Weil der Täter mal sehen wollte wie es ist, einen Armenier zu töten, genau wie seine Vorfahren vor hundert Jahren.

Auch Charles starb am Gedenktag an den armenischen Völkermord. Er schaut auf die Uhr, er hat den Ablauf dieses Tages im Jahr 1994 in Ruanda immer vor sich. Hier auf dem Schiff ist der armenische Gesang wie eine Umarmung, die seine Erinnerung freilässt. Er war damals fast noch ein Kind, als die Schlächter seine Familie jagten. Alle hatten sich hinter einem Hügel versteckt, als es heftig zu hageln begann.

Und weil die Kleinen vor Kälte und Angst schrien, rannten sie aus der Deckung. Nachbarn denunzierten sie, und so ergriffen die Mörder die ganze Familie. Charles starb den ganzen Tag hindurch so wie alle anderen Männer seiner Familie; die Frauen ließen die Mörder geschunden zurück. Dreimal, so erzählt Charles auf der Mitte des Bosporus, dreimal hat man ihn ermordet. Er erzählt auch wie. Er erzählt es einfach – ohne Tränen oder Bitternis.

Die Wahrheit ist der Tod, wie der von Charles und Sevag oder einem der namenlosen Tutsi, Juden, Herero oder Bosnier. Seine Bedeutung aber bekommt jeder Genozid durch das, was aus ihm gemacht wird. Erdogan leugnet ihn aus Gründen eines brutalen und infantilen Stolzes. Deutschland kennt den Holocaust an den Juden an, schweigt aber über den Mord an den Herero. Und Serbien ignoriert einfach.

Jede unverarbeitete Geschichte neigt dazu auf ewig nachzuwirken und das Zusammenleben zu vergiften. Furcht, Misstrauen und aggressive Scham belasten über Generationen Täter und Opfer. Doch solche Verbrechen anzuerkennen und die eigene Verantwortung zu spüren, ist nicht kompliziert wenn es auf einem Schiff wie diesem geschieht. Denn es schaukelt für alle gleichermaßen, die Trauer, Schmerz und tiefe Scham miteinander teilen. Auf dem Bosporus – irgendwo zwischen allen Kontinenten.