Die Kopie des ehemaligen Hohenzollernschlosses wird in vier Jahren fertiggebaut sein und Humboldtforum heißen. Die Stadt Berlin verfügt dort über eine Fläche von 4000 Quadratmetern, und deshalb erklärten der Regierende Bürgermeister Müller und Kulturstaatssekretär Tim Renner jetzt, was dort gezeigt werden soll: die Entwicklung des modernen Berlin in den vergangenen 200 Jahren.

Die Idee leuchtet ein. Die Stadt erschließt sich weder Einheimischen noch Zuwanderern oder Touristen, wenn sie vorzugsweise als Hort blut- und eisensüchtiger Pickelhauben, nazistischer Bösewichte, Stasispitzel und Ulbricht-Knechte dargestellt wird. Seitenblicke auf Nofretete und unsere von Schadow geschaffenen Schmachtprinzessinnen Luise und Friederike mildern die aufs Negative getrimmten Präsentationen nicht.

Die Reduktion Berlins auf das Berüchtigte und der damit verbundene – meist vorgetäuschte – Selbsthass folgen einer die Kontexte ignorierenden, daher geschichtsfremden, letztlich wirkungslosen und antiaufklärerischen Nationalpädagogik des Schreckens. Während eifrige Gedenkfunktionäre den klobigen Schreibtisch Erich Mielkes zur musealen Ikone verklärten, erscheint die Frage gleichgültig, wo der Sekretär des Menschenfreunds und Menschenkenners Theodor Fontane hinverschwunden ist.

Berlin zählte im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu den Herzkammern der europäischen Moderne. Den Anfang machten die preußischen Reformer Humboldt und Hardenberg, gefolgt von großen Unternehmer und Bankiers, Gelehrten wie Hegel, Virchow und Theodor Mommsen, Robert Koch oder Paul Ehrlich, die Berliner Sozialisten Paul Singer und Rosa Luxemburg gehören dazu, ebenso die großen Liberalen Ludwig Bamberger, der die Reichsmark schuf, und Max von Forckenbeck, der als freisinniger Bismarckgegner und Berliner Oberbürgermeister von 1878 bis 1892 die Stadt schnell voranbrachte.

Angedeutet seien die produktiven Jahre der Weimarer Republik (dauerhaft geprägt von dem außerordentlich erfolgreichen Verkehrsstadtrat Ernst Reuter), gefolgt von Größenwahn und Selbstzerstörung in den kurzen Jahren des Dritten Reiches und schließlich von den jeweiligen Neuanfängen in der zerschnittenen Stadt. All das wird an keiner Stelle halbwegs zusammenhängend erzählt. Selbstverständlich wird die Präsentation Berlins im Humboldtforum die Ambivalenzen, Risiken und Abstürze der Moderne thematisieren, eben weil die strahlenden Seiten gesehen werden müssen, um die dunklen und pechschwarzen zu verstehen.

Gestern übte Harald Jähner im Feuilleton dieser Zeitung harsche Kritik an der Projektskizze des Regierenden Bürgermeisters. Sein Verdacht, hier könnte „poppig daherkommender Wilhelminismus“ verherrlicht werden, erscheint mir ganz unbegründet. Michael Müller und Tim Renner geht es nicht darum, die Stadt „in großspurigster Manier“ zu feiern. Vielmehr soll und sollte Berlin endlich zur eigenen Geschichte zurückfinden. Früher hieß das entsprechende Fach in der Schule Heimatkunde. Es ist abgeschafft. Ebenso fehlt ein berlingeschichtlicher Lehrstuhl an den Universitäten. Auch deshalb gilt es, mehr Stadtgeschichte zu wagen – getragen von historischer Urteilsgerechtigkeit und Demut, von Erkenntnisfreude und Liebe zu einer, trotz allem, wunderbaren Stadt.