Angesichts der russischen Annexion der Krim und der Kriegstreiberei in der Ostukraine fällt es nicht leicht, die Winkelzüge Putins zumindest zu erklären. Sein Machtgehabe verdeckt Schwäche. Deshalb ist es in Russland ungemein populär. Der auftrumpfende, im Grunde haltlose Neonationalismus entspricht dem Unvermögen, die Gesellschaft und Wirtschaft des Landes zu modernisieren, den Bürgern – jenseits einiger funkelnder Stadtzentren – eine lebenswerte Zukunft zu eröffnen, die Besten des Landes zum Bleiben statt zum Gehen zu bewegen. Folglich musste es für die politischen Repräsentanten Deutschlands sehr viel schwieriger sein als für gewöhnliche deutsche Bürger, sich am 70. Jahrestag des Kriegsendes angemessen zu verhalten. Das ist ihnen gelungen: den Abgeordneten des Bundestags, dem Bundespräsidenten und der Kanzlerin.

Merkel legte Kranz nieder

Anders als 2010 konnte Angela Merkel in diesem Jahr unmöglich an der noch stärker als vordem militarisierten Moskauer Siegesparade teilnehmen. Im Namen aller Deutschen besuchte sie einen Tag später das Moskauer Grabmal des Unbekannten Soldaten und erklärte, wie wichtig es ihr jenseits der aktuellen Zerwürfnisse sei, hier „gemeinsam mit dem russischen Präsidenten einen Kranz niederzulegen, um der Millionen Toten zu gedenken, die Deutschland aus dem Zweiten Weltkrieg heraus zu verantworten hat“.

Der Bundespräsident gedachte am 6. Mai am Ort des ehemaligen Lagers Stukenbrock bei Bielefeld der 310.000 sowjetischen Kriegsgefangenen, die dort auf dem Weg in die Zwangsarbeit zeitweilig inhaftiert worden waren und zu Zehntausenden an Hunger und Mangelversorgung starben. Gauck sprach von „einem der größten deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs“ und stellte fest: „Auch die Wehrmacht hat sich schwerer und schwerster Verbrechen schuldig gemacht.“ Im Bundestag dozierte der Historiker Heinrich August Winkler: „Der von alliierten Soldaten, und nicht zuletzt denen der Roten Armee, unter schwersten Opfern erkämpfte Sieg über Deutschland hatte die Deutschen in gewisser Weise von sich selber befreit.“ Wie schön, dass die von mir vor zehn Jahren formulierte Einsicht nun zum Teil deutschen Selbstverständnisses geworden ist (Süddeutsche Zeitung vom 6.5.2005).

Niemand suchte Deckung hinter den üblichen Distanzvokabeln

Überhaupt fiel auf, dass in den offiziellen Reden niemand hinter den üblichen Distanzvokabeln Deckung suchte. Während in diesen Tagen ungezählte Journalisten und gedankenarme Historiker von „den Nationalsozialisten“ und deren Schuld schwadronierten, bevorzugten führende Politiker Klartext: Sie redeten von den Deutschen, von Deutschland, von deutschen Verbrechen und benutzten vorzugsweise das persönliche Fürwort, erste Person Plural: „wir“. So auch Matthias Platzeck, der am sowjetischen Ehrenmal im Berliner Tiergarten sprach. Dieses, in Westberlin so lange als Fremdkörper verpönte Denkmal für die Gefallenen der Roten Armee, nahmen die Berliner an diesem 9. Mai in Besitz – bürgerlich-aufgeklärt grüßten sie die vielen Familien, besonders auch aus den Staaten der einstigen Sowjetunion, die der mörderisch geplante und geführte Angriffskrieg der Deutschen ins Unglück gestürzt hatte. Daraus kann eine neue, nicht-nationalistische Tradition des Gedenkens, Mitfühlens und Verständigens entstehen.