Berlin - Schon lange habe ich nicht mehr auf eine Neuerscheinung so gewartet wie auf die Februar-Ausgabe der ADAC-Motorwelt. Nach Batterieskandal und Gelbe-Engel-Fälschung musste die Mitgliederzeitung reagieren. Am Montag steckte sie in meinem Briefkasten. Das Titelbild war so gelb eingefärbt wie sonst nur der Rettungshubschrauber. Unten links ist ein Fahrzeug der Pannenhilfe zu sehen, die schwarze Überschrift in der Mitte haut einen Klassiker der Paartherapie raus: „Die Krise als Chance“. Auf Seite 3 ein Bild der Redaktion, das Editorial ist im Ton distanziert bis besorgt, was sich durch das ganze Heft zieht.

Auf der einen Seite sind schlimme Dinge passiert, auf der anderen Seite wird nach dem Prinzip faule Äpfel verfahren. Der ganze ADAC ist prima, ein paar faule Äpfel gibt es in jedem Korb, nun muss aussortiert werden. Selbst die Leserbriefe klingen so. Größte Überraschung aber und Zeichen dafür, die Chance auch zu ergreifen: es gibt ein neues Layout!

ADAC-Mitglied wurde ich auf die konservative Tour. Das Auto ist liegengeblieben, der Pannendienst wurde angerufen und ein Antrag ausgefüllt. Wie jedem Anfang ein Zauber innewohnt, wohnt jedem ADAC-Neumitglied ein Schrecken inne. Ich bekam die Nummer 207 741 930 und als mir der Wagen in der Mecklenburgischen Pampa ein zweites Mal liegen blieb, musste ich keine halbe Stunde warten, bis mir geholfen wurde. Der Mechaniker füllte Öl nach und fing an zu weinen, weil ich mein Auto so schlecht behandelt hatte. Als mein alter Volvo in die Schrottpresse kam, bereute ich und schwor ihm ewige Treue. Statt eines neuen Autos wollte ich mir einen Hund zulegen. Es lief dann auf einen Nissan hinaus, der auch nur spielen will.

Meine Lieblingszeitschrift ist die ADAC-Motorwelt schon lange, weil sie eine irritierende Mischung bietet aus sportlich-jugendlichen Themen – Autos, Geschwindigkeit, Crash-Test, Formel 1 – und Kleinanzeigen, die eher auf den Rentner in uns zielen. Schließt man von den Anzeigen auf die Leser, dann fahren ADAC-Mitglieder weder BMW noch Audi, nicht Mercedes und schon gar nicht Porsche, sondern vor allem Lifta, Deutschlands meistgekauften Treppenlift, oder Elektromobile, die bis zu 15 Kilometer schnell sind und die einen trotz Hüftleiden auf die Überholspur bringen, wenn auch nur auf dem Bürgersteig. Außerdem scheint die Klientel gerne Busreisen zu machen, vornehmlich nach Paris („4 Tage, mit Begrüßungscocktail“) oder All-Inclusive in der Altmark („Das gemütliche Hotel verfügt über Rezeption.“).

Seite vier und fünf des neuen Heftes sind der Titelgeschichte gewidmet und einem Interview mit dem eigenen Präsidenten Peter Meyer. Für den sind die Chancen mittlerweile vorbei, er ist Montag zurückgetreten. Mit ihm und seinem Verein hat es auch die letzte große moralische Instanz der Bundesrepublik erwischt.

Für einen Westdeutschen waren die drei Säulen der Welt: Stiftung Warentest, Deutsche Bank und ADAC. Die Tester sagten, was man kaufen kann, die Bank finanzierte es, und der Club schleppte einen ab, wenn es schiefging. Nun ist nicht nur Gott tot, sondern auch diese letzten Gewissheiten sind es. Wahrscheinlich ist die Krise auch gar keine Chance mehr, sondern ein Dauerzustand, in dem man es sich irgendwie einrichten muss. Es gibt ja immer noch den Ikea-Katalog.