Die neuerlichen Verhandlungen zwischen der israelischen und der palästinensischen Regierung begleitet deutsche Schwarzseherei – nicht selten unterlegt mit antiisraelischen Gereiztheiten, etwa so: „Nun lässt Netanjahu schon wieder Siedlungen bauen, um das zarte Pflänzchen des Friedensprozesses zwischen Israel und den Arabern mutwillig zu zertrampeln.“ Langsam! Die 1,2 Millionen arabischer Staatsbürger Israels müssen manche Diskriminierung ertragen, aber gemessen an ihren arabischen Brüdern im Irak, im Libanon, in Syrien, Ägypten, Libyen und Tunesien leben sie auf einer rechtsstaatlich verfassten, wirtschaftlich blühenden Insel der Glückseligen. Sie verfügen über gute Bildungschancen und Krankenhäuser, erfreuen sich körperlicher Unversehrtheit, unabhängiger Gerichte und religiöser Freiheit.

Ich habe am Grenzübergang zwischen Jerusalem und Ramallah erlebt, wie 20-jährige, aus Russland zugewanderte, schrill blondierte israelische Soldatinnen junge arabische Männer erniedrigten. Das gibt es. Aber trotzdem – und vor allem gemessen an dem weltweit unvergleichlich schweren Grundkonflikt zwischen israelischen und palästinensischen Ansprüchen – verlaufen die Auseinandersetzungen milde. In Syrien starben in den vergangenen beiden Jahren mehr als einhunderttausend Menschen in einem nur mehr selbstzerstörerischen Bürgerkrieg. Dagegen forderten die israelisch-arabischen Kriege einschließlich der Intifadas im Verlauf von 65 Jahren maximal 80.000 Menschenleben. Das heißt: rund 1200 pro Jahr. Jeder einzelne Tote war einer zu viel. Doch zeigt der Vergleich mit Syrien und selbst mit der aktuellen Gewalt in Ägypten, wie pragmatisch sich Israelis und Palästinenser insgesamt verhalten, obwohl es für beide Seiten um zutiefst existenzielle Fragen geht. Sie zügeln Hass und Rachsucht; sie bekriegen sich nicht aus weltanschaulicher Verbohrtheit, sondern wegen sehr verschiedener Interessen – darüber aber lässt sich reden.

Die soeben begonnenen Gespräche können scheitern. Das wäre keine Katastrophe. Es ist nicht fünf vor zwölf. Schöner wäre allerdings, die Verhandlungen führten zum Erfolg. Israel kann die auf besetztem Territorium neu errichteten Stadtteile von Jerusalem nicht aufgeben. Daran ist nicht zu denken. Anders verhält es sich mit den insgesamt viel kleineren Außenposten und mit der Möglichkeit, Gebiete zu tauschen – auch für diesen Fall müssen neue Wohnungen gebaut werden. Heikel bleibt die Hauptstadtfrage. Aber die Beteiligten sind für Überraschungen gut. Womöglich erweitern sie am Ende Jerusalem um das nahe, arabische und touristisch interessante Bethlehem. Dort könnte dann die Regierung des palästinensischen Staates ihren Sitz finden, und so könnte das Problem der religiös dreifach bedeutsamen Altstadt separat behandelt werden. Insbesondere junge Palästinenser suchen einen Weg aus der Isolation und den Anschluss an die Welt; auf der anderen Seite votierten viele Israelis vor einigen Monaten dafür, den säkularen Pragmatismus in der Knesset zu stärken, um den für das innere Wohlergehen so schädlichen Zustand dauernder Hochspannung allmählich zu mildern. All das gibt Anlass dazu, die nahöstlichen Friedensgespräche mit allgemeinem Wohlwollen, mit Respekt und diskreter Diplomatie zu begleiten.