Kolumne zum NSU-Terror: Birlikte heißt Zusammenstehen

Manche Dinge sind in Deutschland so dickflüssig und zäh, so langsam und so realitätsfern, dass sie zu Katastrophen führen müssen. Die sogenannte Integrationspolitik ist dafür ein Beispiel. Über Jahrzehnte hat sie sich dahingeschleppt. Es wurde weniger gestaltet als verwaltet, es wurde verhindert, gebremst und Grenzen gesetzt. Irgendwie ging es doch mit den Zuwanderern, aber gewollt und anerkannt waren sie nicht. Die deutsche Maschinerie aus Staat und Gesellschaft hat es sich in der Einwanderungsfrage nicht gerade leicht gemacht.

Wie ein Alptraum aus Vorurteilen und diffuser Ablehnung liegt noch immer das Gewicht der ganzen Nation auf den Einwanderern, wenn diese sich in Herkunft und Religion von der Mehrheit unterscheiden. Nicht die Verstöße gegen den Grundsatz der Gleichheit sind die Ausnahme, sondern das Glück für Kinder aus Familien von Minoritäten, wenn sie von solchen Verstößen verschont bleiben. Spricht Bundespräsident Gauck davon, dass „diese“ Kinder auch „unsere“ Kinder sind und wir uns um sie kümmern müssen, dann besteht der Skandal darin, dass diese Rede als mutig gilt.

Nun wird den Türken in Deutschland vorgeworfen, dass sie dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan bei seinem Besuch in Köln am Samstag zugejubelt haben, obwohl er doch ein Despot sei, der mit Korruption und Unterdrückung regiere. Gelobt werden diejenigen, die – zu Recht – gegen ihn protestierten. Deutsche, Politiker wie Medien spielen sich als Schiedsrichter auf. Wer Erdogan huldige, solle doch zurückgehen in die Türkei, heißt es in den Leserkommentaren. Doch gelten gleichzeitig die so gelobten Protestierer im Alltag als „rot-grün versiffte Gutmenschen“, wenn sie gegen rassistische Diskriminierung auftreten und das Wahlrecht für Einwanderer fordern. Nicht Erdogan ist das Problem der Türken in Deutschland, sondern dass sie noch immer nicht über den Status des Gastes im eigenen Land hinauswachsen durften.

An Pfingsten jährt sich zum 10. Mal der Bombenanschlag auf die Kölner Keupstraße. Damals hatte die NSU-Terrorgruppe dort eine Nagelbombe gezündet, die Menschen schwer verletzt und zahlreiche Geschäfte zerstört. Lange wurde ein rechtsextremer Tathintergrund ausgeschlossen. Die deutsche Gesellschaft fühlte sich nicht zuständig und überließ die Bewohner der Keupstraße sich selbst und den unverschämten Verdächtigungen der Ermittler.

Birlikte heißt auf Türkisch Zusammenstehen. An Pfingsten wird Köln nicht Erdogan oder irgendwelchen Integrationsbeauftragten gehören. An diesem Tag hat Deutschland die Chance, in Erinnerung an die Opfer der Anschläge zusammenzustehen. Nicht in einem offiziellen Festsaal, sondern auf der Straße. Es wird eine große Kundgebung geben mit Reden und viel Musik. Und es wird kleine Events geben mit Gesprächen und Besuchen auf den Höfen und Läden der Keupstraße. Dies ist nach dem Bekanntwerden der NSU-Morde die erste große Veranstaltung in Deutschland, die der Opfer gedenkt. Lange hat es gedauert. Birlikte – Zusammenstehen, unabhängig davon wer Edogan toll findet oder nicht. Birlikte – der Weg zu einer Normalität, in der es niemand mehr nötig hat, sich an Despoten aus anderen Ländern zu orientieren.

Anetta Kahane, Amadeu-Antonio-Stiftung