Auf unabsehbare Zeit werden sich aus Krisenländern Menschen nach Europa durchschlagen. Sie tun das unter großen Risiken. Viele scheitern an Geldmangel, Wüsten, Meeren und weit vorgelagerten Grenzposten. Selbst wenn wir es wollten, können wir längst nicht allen helfen. Die Verhältnisse, sie sind nicht so.

Wie zwei widerstreitende Gottheiten in der antiken Tragödie werden die einen weiterhin für Härte plädieren, die anderen für Milde. Um ihre Wählerschaft nicht zu verlieren, erklären die einen: „Gesetz ist Gesetz, das Boot ist voll.“ Eine engagierte Minderheit entgegnet: „Wir leben im Wohlstand. Stopp der herzlosen Paragrafenreiterei!“ Brechts Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ dreht sich um diesen unlösbaren Konflikt, auf der letzten Seite berühmt zusammenfasst: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

In Berlin kristallisiert sich der Widerstreit an dem Flüchtlingsheim in Hellersdorf, dem Camp auf dem Oranienplatz, den himmelschreienden Zuständen in der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule und im Görlitzer Park. Dort hat sich die Lage zugespitzt. Selbst Unterstützerinnen der Flüchtlinge trauen sich nicht mehr, den Park in der Dämmerung oder gar bei Nacht zu durchqueren. Eltern geraten mit ihren Kleinen, die sie vom Kindergarten abholen, in Razzien gegen gut 100 Drogendealer, von denen sie schon auf dem Hinweg belästigt wurden.

Hinter der pseudohumanen Devise „Selbstverwaltung der Flüchtlinge“ im besetzten Schulgebäude verbirgt sich Verantwortungsfaulheit. Sie führt zur Selbstvermüllung, zur brutalen Männerherrschaft, zum Faust- und Messerrecht der Stärksten. Wenn es unter diesen Umständen zu Mord und Totschlag kommen sollte oder zur Brandkatastrophe, tragen die regierenden Grünen von Friedrichshain-Kreuzberg die Verantwortung – allen voran Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann.

In der Umfrage, die diese Zeitung vom Forsa-Institut durchführen ließ und am 3. Februar veröffentlichte, wurden repräsentativ ausgewählte Berliner gefragt, was sie von dem Flüchtlingscamp auf dem Oranienplatz halten. Eine klare Mehrheit meint, das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg habe versagt, auch 46 Prozent der grünen Wähler. Satte 85 Prozent der Befragten finden, der Senat hätte viel früher und entschlossen eingreifen müssen. Was aber heißt entschlossen? An eine Verhandlungslösung glauben nur 27 Prozent, dennoch sprechen sich 48 Prozent gegen einen Polizeieinsatz aus.

Ich interpretiere die Differenzen so: Man weiß von den unhaltbaren Zuständen, vom Missbrauch der Flüchtlinge zu allgemeinen politischen Zwecken, will aber nicht mitverantwortlich sein, wenn der Staat sein Gewaltmonopol legitimerweise durchsetzt. Eine innere Stimme flüstert: „Soll das Problem doch so gelöst werden, dass ich es nicht sehen muss.“ Um die eigenen Hände in Unschuld zu waschen, überantworten viele ihre Ratlosigkeit den Politikern. Diesen sei der allerletzte Vers aus dem „Guten Menschen von Sezuan“ als Replik empfohlen: „Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! / Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“

Das kann dauern. Bis dahin sind manchmal unschöne und auch harte Entscheidungen erforderlich. Unsere gewählten Politiker müssen sie treffen.