Männer gehen gerne in den Puff – aber nicht, wenn sie danach gefragt werden. Oder sie suchen das kurze Glück auf dem Straßenstrich aus dem Auto raus, wie bei mir um die Ecke an der Straße des 17. Juni. High Heels und eng geschnürtes Lack-Mieder. Ein wenig gleichen sie Berlin, die sogenannten Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. Arm, aber sexy. Und die anderen haben das Geld, um sich ihre Begierden diskret befriedigen zu lassen. Sex ist ein Geschäft, das angeblich älteste der Welt. Und da unser Staat schon längst eingesehen hat, dass ihn das sexuelle Treiben seiner erwachsenen Bürger rein gar nichts angeht, wäre eigentlich alles in Butter.

Ist es aber leider nicht. Deutschland hat seit 2002 das damals von rot-grün verabschiedete Prostitutionsgesetz. Das modernste weltweit, wie die einen sagen. Andere rügen, den Text hätten die Zuhälter formuliert. Unser Land sei zum Bordell Europas verkommen. Da ist was dran. Mit der Öffnung der Grenzen nach Osten gehen junge Frauen aus Ungarn oder Rumänien bei uns auf den Strich. Die wenigsten freiwillig. Im besten Fall, um ihren verarmten Familien Geld zukommen zu lassen. Im schlimmsten von brutalen Zuhältern und Banden zum Anschaffen gezwungen.

Gebrochene Menschen

Die neue schwarz-rote Koalition will gegen diese menschenverachtenden Auswüchse vorgehen. Doch einfache Rezepte – wie etwa Strafandrohung für Freier – greifen nicht. Es sind oft gerade Freier, die die Polizei über Frauen in Not informieren. So pervers sind die wenigsten, dass es ihnen wirklich Spaß machen würde, solche Zwangslagen entspannt zu genießen. Das würde die Illusion empfindlich eintrüben, dass die Frauen ganz wild und ganz nur für ihn da sind, „geboren um Liebe zu geben ... ohne Fragen an den Morgen“.

Doch selbst wenn der Sex einvernehmlich erfolgt, sollte sich Mann nichts vormachen. Diverse Studien belegen, dass rund 80 Prozent der Prostituierten eine schlimme Kindheit mit sexueller und körperlicher Misshandlung hinter sich haben. Gebrochene Menschen. Als das „Chamäleon der Liebe“, die Lulu von Frank Wedekind, im Frankfurter Schauspiel endlich mal das gezeigt hat, was sie ist, ein missbrauchtes Kind, da heulte ein Kritiker auf. Er vermisste die verführerisch-erotische Femme fatal. Oh Mann!

Familien als Faustpfand

Das Prostitutionsgesetz hat wichtige Verbesserungen gebracht. „Sexarbeiter“ können die gesetzliche Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung wahrnehmen. Die Neufassung wird sicher besser gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution vorgehen. Aber da die Opfer meist nicht aussagen (können), etwa, weil die Zuhälter ihre Kinder oder Familien als Faustpfand haben, müssten zunächst einmal die Ausstiegshilfen verbessert werden.

Ein Bleiberecht für ausländische Zwangsprostituierte wäre ein weiterer Punkt. Klar, das kostet und deshalb schreckt die Politik davor zurück. So wird wohl wieder mal ein Gesetz formuliert, das besten Willen zeigt, aber taub und blind ist für das reale Elend im Tal der sexuellen Begierden.

Gerade verschlinge ich den wiederentdeckten Roman „Blutsbrüder“ von Ernst Haffner, der 1932 erschienen ist. Geschildert wird das Leben einer Berliner Clique von Straßenjungs, die sich selbst prostituieren, aber sich auch mal gemeinsam eine Prostituierte gönnen. Ganz unten halt. Und Gott sei Dank Geschichte.