Die Haare wirr zerzaust und irgendwie ein bisschen gaga. So stellt man sich klassischerweise den Wissenschaftler vor. Und wenn er mit einem Nobelpreis geehrt wird, ist er meist uralt. Die Forscher, die ich aus meinem Büro am Alexanderplatz in Berlin sehe, auf einem Bildfries am Haus des Lehrers, sehen ganz anders aus: Junge, kräftige Menschen greifen beherzt nach dem Atom und lassen gleichzeitig eine Friedenstaube fliegen.

Schüler hantieren mit Mikroskop, Reagenzglas und Fernrohr. Auf der rechten Seite konstruieren Ingenieure eine Maschine, die dem Menschen die Last der Arbeit abnehmen soll. So sah damals in der DDR die Zukunft des sozialistischen Menschen aus. In Mosaiksteine gesetzt und so ins Heute hinübergerettet.

Aber wie sieht denn nun so ein realer Forscher aus Fleisch und Blut aus? Am Wochenende bin ich der Sache auf den Grund gegangen. In Berlin wurde der erste deutsche Science Hack Day veranstaltet. Hä? Hack? Dass man Computer hacken kann, das wusste ich. Aber Wissenschaft, wie geht das?

Das originelle Konzept stammt von der Forscherin Ariel Waldmann aus San Francisco, die aber behauptet, sie könne es auch nicht erklären. Nur so viel: Ein Wochenende lang probieren junge Wissenschaftler verrückte Ideen aus. Im Berliner Betahaus waren es jetzt mehr als 60 Teilnehmer. Sie schufteten die Nacht durch, schraubten, löteten und klebten. Bei der Präsentation durfte sogar gespuckt werden. Spucke? Ja, sie enthält besonders viele Bakterien und Pilze. Ein grüner Laser machte daraus ein wuseliges Kunstwerk.

Den Berliner Fernsehturm zerrissen

Endlich weiß ich auch, wie die Evolution zum perfekten Monster vorangeht. Es hat tatsächlich nur ein Auge, viele schwebende Beine, streckt die Zunge raus und zerreißt den Berliner Fernsehturm. Ich schaue mal rasch aus meinem Bürofenster. Glücklicherweise steht er noch. War nur eine Simulation.

Gebrüllt wurde auch. Und wie. Mal irre wild, dann wieder gebremst quäkend. Das Projekt hieß Angry Cat Hat – der wütende Katzenhut. Ein mit Schaumstoff ausgekleideter Pappkarton. Außen eine Katze aufgemalt, drinnen Mikrofon und Stimmanalysator. Aus den Tondiagrammen der Brüller könnten Psychologen interessante Schlüsse ziehen. In meiner Schulzeit hieß es noch, es sei unmöglich, Atome direkt zu sehen. Quatsch. Heute gibt es Fotos von Atomen – und sie können sogar bewegt werden. Damit sich Schüler solch ein Rastertunnelmikroskop vorstellen können, baute eine Gruppe ein großes Modell. Mit glänzenden Kugelatomen. Also alles, nur keine Wissenschaft im Elfenbeinturm. Doch sogar den gab es beim Science Hack Day. Als böses 3D-Karrierespiel, bei dem nur eines der klugen Mitspieler-Gehirne in der Hängematte des Professors landet.

Wäre es nicht toll, wenn mehr von diesen begeisterten jungen Naturwissenschaftlern in den Medien auftauchen würden? Schüler benötigen Vorbilder. Es gibt für sie doch viel mehr zu entdecken als Jura, Betriebswirtschaftslehre und Psychologie. Unsere jungen Science Hacker sollten den Funken, der in ihnen steckt, überspringen lassen. Im Internet, via Twitter oder Facebook. Jeder Weg ist gut. Wichtig ist nur, dass er gegangen wird. Und wer weiß, vielleicht habe ich am Wochenende einen Nobelpreisträger kennengelernt. Ohne dass ich oder sie oder er es wussten. Denn den Preis gibt es ja erst später. Sehr viel später.