Als ich kürzlich in eine TV-Reportage der peinlichen Art geriet, war meine erste Vermutung: Ich habe mich im Sender geirrt. Es war Samstag, der 13. Juli, gegen 19.30 Uhr. Zur besten Sendezeit also, kein Mitternachtsverschiebesendeplatz. Mein Verdacht fiel auf RTL2 oder vergleichbare Schmuddelplätze aus der Prollfamilie der Kommerzsender. Ich wollte partout nicht glauben, dass ich 3Sat eingeschaltet hatte, meinen Fluchtort vor dem oft breiten Angebot des allzu Banalen. Erst der Blick ins Programmheft ließ den Zweifel zur bitteren Gewissheit werden.

„Mit Bleifuß durch Germany – Touristen ohne Tempolimit“ ätzte schon der Titel dieses Stücks für betuchte Raser aus aller Welt. Die Hauptakteure: Lauter erwachsene Menschen verschiedener Nationen, die sich wie kleine Kinder darüber freuen, dass sie getreu dem ADAC-Motto „Freie Fahrt für freie Bürger“ auf deutschen Straßen mal so richtig unbeschwert durch die Gegend brettern können. Auch die Vertreterin der cleveren Agentur, die diesen PS-Marathon organisiert, kann ihr Glück vor der Kamera kaum fassen. Selbst der Pressetext auf der 3Sat-Internetseite liest sich wie eine Werbeanzeige für eine Firma, die für viel Geld Temposüchtige auf deutsche Autobahnen lockt.

Denn die „Touristen aus dem Ausland wollen Burgen und Schlösser bewundern, in den Schwarzwald und nach Heidelberg. Doch einige von ihnen wollen eines: Auf der Autobahn mal so richtig Gas geben.“ Und mit welchen Boliden kann man richtig Gas geben? Natürlich mit den Nobelkarossen von Porsche. Der entlarvendste Satz, der mir von meinem Ausflug vor die Glotze in Erinnerung geblieben ist: „Deutschland, einst das Land von Bach und Beethoven – heute ein Paradies für Bleifüße“.

Man mag mich für naiv halten, wenn ich im Verlaufe des 45-Minuten-Epos wenigstens auf eine noch so zarte Kritik an diesem Vollgas-Zirkus in Zeiten drohender Klimakatastrophe gewartet habe. Doch nicht der Hauch eines Zweifels schien die Autorin geplagt zu haben. Bleibt die Frage an den für diesen Heimatfilm verantwortlichen SWR. Schließlich kommen bei diesem Vollgas-Streifen selbst die härtesten Verteidiger des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ins Schlingern.

Da ist gedanklich der Weg von den Amateur- zu den Profirasern nicht weit. Auch im Reich des Formel-1-Spektakels scheint sich nach Jahren des professionell betriebenen Irrsinns jetzt etwas zu bewegen. Bernie Ecclestone, Gottvater der ewigen Imkreisfahrer, wird es nun wohl an den Kragen gehen. Ihm droht in Deutschland eine Anklage wegen Bestechung. Bekam er für seine Zeugenaussage in München noch freies Geleit zugesichert, wird er diesmal seinen Hals kaum noch aus der Schlinge ziehen können. Dabei geht es mir nicht so sehr um diesen Greis, sondern um jene, die diesen Hasardeur erst übergroß werden ließen: die Automobilkonzerne, die gesamte Entourage inklusive der oft steuerflüchtigen Fahrer, und nicht zuletzt die Millionen von Zuschauern.

Macht- und geldgierige Menschen vom Schlage eines Bernie E. gibt es viele und wird es immer geben. Aber sie sind nichts ohne ihre Zulieferer. So wird sich etwa Sponsor Daimler fragen lassen müssen, wie lange er das Treiben des skandalumwitterten Milliardärs, der zudem keinerlei Berührungsängste gegenüber Diktatoren jeglicher Art hegt, denn noch dulden will.