Durch Berlin führte einmal eine Mauer. Auf der einen Seite tranken die Leute Kaffe (mit kurzem a und kurzem e), auf der anderen Kaffee (beides lang). Ein kleiner, aber feiner Unterschied, der auch ein viertel Jahrhundert nach der Wende nicht verschwunden ist. Dem auf beiden Seiten noch immer angesagten Schwarzgetränk hat die Sprachbarriere übrigens keinen bleibenden Schaden zugefügt. Die Berliner Schnauze musste nach dem Fall der Mauer noch ganz andere Irrungen und Wirrungen überstehen, aber Sprache lebt und geht mit der Zeit.

Schon Adolf Freiherr von Knigge beklagte in seinem 1788 erschienen Büchlein „Über den Umgang mit Menschen“, in keinem Lande Europas sei es so schwer, im Umgange mit Menschen den richtigen Ton zu finden wie in seinem deutschen Vaterlande. Nirgendwo sonst herrsche „zu gleicher Zeit eine so große Mannigfaltigkeit des Konversationstons“, schreibt Knigge. Da werde der bäuerische Bayer äußerst verlegen, wenn er auf die artigen Dinge antworten solle, die ihm der feine Sachse entgegenschicke. Das waren noch Zeiten!

Und die fröhliche Geschmeidigkeit des Rheinländers würde in Niedersachsen als hinterhältige Zudringlichkeit gewertet. Ein falscher Zungenschlag, und die Party war gelaufen. Vom Berliner Dialekt wusste Knigge nichts zu vermelden, der entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert bis zum Bau der Mauer. Danach, innerhalb weniger Jahrzehnte, entstanden zwei Dialekte. Professor Peter Schlobinski hat für die Gesellschaft für deutsche Sprache erforscht, wie sich unter dieser historisch einmaligen Situation Dialekte formen.

Sprache im unfreiwilligen Labor sozusagen: „In keiner anderen Metropole der Welt gab es die Situation wie in Berlin, dass eine Sprachgemeinschaft politisch geteilt und eine Face-to-face-Kommunikation der Menschen untereinander zunächst gar nicht möglich war.“ Im Osten wurde das Berlinern zu DDR-Zeiten fortan selbst von Akademikern gepflegt. Man wollte sich von den sächselnden SED-Funktionären abheben, vermutet Schlobinski. In Westberlin hingegen galt starkes Berlinern zunehmend als Jargon der Gasse. Der Ostberliner trank seine Molle in der Stampe, der Westler in der Pinte.

Als die Ostberliner nach der Wende den Westen erkundeten, gab es bittere Sprachdramen: „In de Disco in Westberlin fühl ick mich richtich unwohl. Ick trau mich kaum, ’n Mund aufzumachen, weil ich sonne Hemmungen habe davor“, berichtete eine 25-jährige Studentin, eine „aus ’m Osten“.

Inzwischen sind der Delikatladen, die Krippe, die Rennpappe oder das Kollektiv nur noch eine Erinnerung und kein aktiver Wortschatz mehr. Dafür gibt es weiterhin Ketwurst, Würzfleisch, und auch der Broiler hat überlebt, nicht als Tier, aber als Grillgut. Auch Soljanka und Borschtsch gibt es noch, ein Erbe sowjetischer Besatzung.

Die Berliner Schnauze hat wieder Konjunktur. Der sogenannte Metrolekt steht für Schlagfertigkeit und Humor, auch wenn der nicht von allen geteilt wird. Gefahr droht jetzt aber durch den beträchtlichen Zuzug von Schwaben und anderen Einwanderern aus dem Ausland. Da muss der Berliner ganz stark sein. Und Vorsicht: Es gibt Berliner, die berlinern, was das Zeug hält, sind aber gar keine. „Bisscken Kodderschnauze“ langt eben nicht und ist nur peinlich.