Am 15. Juli 2013 schrieb ich an dieser Stelle die seinerzeit unpopulären Sätze: „In Syrien wüten verschiedene Bürgerkriege. Ausländische Interventionstruppen, die das Kampfziel ‚Islamischer Staat im Irak und in Syrien‘ (Isis) propagieren, untergraben gemeinsam mit der Nato, der Türkei und allerlei Demokratie-, Glaubens- und Ethnokriegern die Rest-Autorität der syrischen Regierung. In Syrien steht nicht diktatorische Reaktion gegen demokratische Revolution, vielmehr versinkt das Land in von außen angefeuerten Gewaltexzessen.“

Damals wurden die Isis-Dschihadisten (jetzt IS: Islamischer Staat) vom Nato-Mitglied Türkei und dem mit dem Westen verbündeten Saudi-Arabien diskret gefördert. Zudem hatte sich die als demokratisch geltende „Freie Syrische Armee“ zeitweilig auf die Kämpfer des Isis und der Nusra-Front gestützt, weil deren weltanschaulich hochmotivierte Freikorpskämpfer wichtige Siege gegen die Armee der syrischen Regierung errangen. Erst jetzt dämmert es US-Präsident Obama: „Die Extremisten haben sich das Chaos im syrischen Bürgerkrieg stärker zunutze gemacht als erwartet. Syrien ist zu einer Art ‚Ground Zero‘ für Dschihadisten aus der ganzen Welt geworden.“

Schon 2011 hatte ich gegen den trunkenen Revolutionsjubel argumentiert, der angesichts des „arabischen Frühlings“ grassierte. Heute empfinden es die Jubler von damals als Glück, dass in Ägypten ein antidemokratischer Militärputsch dem „Frühling“ ein Ende setzte, und in Jordanien ein stabiles Königshaus regiert. Der Krieg in Mali, die Flüchtlingstragödien der Gegenwart, die furchterregenden Exzesse im nunmehr real existierenden „Islamischen Staat“, das vorhersehbare Abgleiten Libyens in die Anarchie – all das sind auch Folgen einer die Realitäten verleugnenden Demokratiepropaganda. Nun, da die internationalen Brigaden des „Islamischen Staates“ Frauen in Massen vergewaltigen, plündern, morden, Geiseln köpfen und Zehntausende vertreiben, kommt es nicht darauf an, über die Fehler der Vergangenheit zu rechten. Jetzt ist eine internationale militärische Antwort geboten.

Sie hat unter Führung der USA begonnen – das gilt es zu würdigen. Sie dient weder Ölinteressen noch einem prowestlichen Regimewechsel, sondern zielt allein darauf, ein Minimum an geordnetem menschlichen Miteinander zu garantieren. Angesichts dieser Herausforderung arbeiten momentan selbst verfeindete Mächte zusammen wie Ägypten, Katar, Jordanien, Iran und Saudi-Arabien – auch die Türkei, die hoffentlich keine antikurdischen Absichten im Schilde führt.

Am Euphrat und Tigris werden nicht westliche Werte verteidigt, sondern die Individualrechte auf körperliche Unversehrtheit der dort beheimateten Menschen. Auf europäischer Seite beteiligen sich belgische, dänische, niederländische, französische und britische Kampfflugzeuge an den Einsätzen, weil die Terroristen des IS sowohl im Morgenland als auch im Abendland die Menschlichkeit bedrohen. Und was macht Deutschland? Fast nichts. Es reicht nicht aus, einige alte Waffen an kurdische Krieger zu schicken und den miserablen Zustand der Bundeswehr zu beklagen. Deutschland sollte sich dazu durchringen, selbst an diesem humanitär motivierten, aus Gründen der Notwehr gerechtfertigten Polizeikrieg teilzunehmen.