Kolumne zur Deutschen Einheit und Pegida: Was Helmut Kohl bei der Wiedervereinigung vergaß

Angela Merkels Neujahrsansprache war einer Queen würdig, denn sie überraschte damit, ein bisschen Dissens zu wagen. Ihre Worte zu Pegida für mutig zu halten, zeugt jedoch von Kleingeist. Die Deutschen sind auch nicht verwöhnt in dieser Hinsicht, denn niemals zuvor hatte es eine vergleichbare Ansprache gegeben, obwohl sie bitter nötig gewesen wäre. 1991/92 beispielsweise sprach der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl von der Vollendung der Vereinigung.

Eine erstaunliche Feststellung, schien doch in jener Zeit nichts ferner zu liegen als die Einheit Deutschlands mit all seinen Bewohnern. Der Osten wurde gerade abgewickelt. Die Ostdeutschen steckten tief in einem Gefühl der Anomie, jener garstigen Mischung aus Anarchie und Ohnmacht, die Wut erzeugte. Der Geist der Gestaltung war mit den Runden Tischen irgendwohin verschwunden. Vorbei auch die Zeiten von „Wir sind das Volk“ oder „ein Volk“.

Diese Slogans der Wende werden bis heute als das Gute in der Deutschen Geschichte glorifiziert, so wie jene, die sie riefen rundum als Bürgerrechtler im Kampf gegen die Diktatur der SED gelten. Dem Ruf nach Bürgerrechten jedoch fehlte schon damals die universalistische Dimension. Bis auf sehr wenige Ausnahmen war den Rufern das Schicksal von Minoritäten und Ausländern im allerbesten Falle herzlich egal.

Jedem, der nicht das unverdiente Glück hatte, eine Mehrheitsperson zu sein, wurde mit aller Herzenskälte klar gemacht, dass er oder sie im Kollektivschrei nach dem Recht des Volkes nicht mitgemeint waren. Dass Helmut Kohl 1991/92 von der Vollendung der Einheit sprach, verdeutlicht, dass auch er als Repräsentant der alten Bundesrepublik die beginnende Hatz gegen die „Andersartigen“ willentlich und wissentlich in Kauf genommen und politisch benutzt hat.

Die Pegida-Bewegung bringt deutsche Kernthemen auf. Alles was damals von Kohl ungefühlt und ungedacht blieb, tritt nun zutage. Er hätte den Ostdeutschen sagen müssen, dass „Wir sind ein Volk“ auch bedeutet, sich mit 7 Millionen Ausländern zu vereinigen. Und dass das Recht auf Asyl nicht nur für Republikflüchtlinge aus der DDR galt, sondern einen Grundsatz der deutschen Demokratie darstellt.

Er hätte sagen sollen, dass Deutschland eben doch ein Einwanderungsland ist. Stattdessen vergiftete die Bundespolitik damals das Klima für alle Migranten mit der Praxis, sie so schlecht wie möglich zu behandeln, damit nicht noch mehr kämen. „Wir sind das Volk“ wurde dann auch vor dem Flüchtlingsheim in Rostock skandiert, während der Mob unter den Augen der Polizei Feuer legte. Kohl hätte sagen können, dass derartiges keineswegs zur Identität eines Deutschen gehören könne.

Es ist spät, aber nicht zu spät. So als hätte die Bundesrepublik 25 Jahre stotternd daran geübt, kommt nun einiges davon aus Merkels Mund. Ihre Neujahrsansprache bedeutet aber weit mehr, als es diese relativ kleine Bewegung verdient. Die multikulturelle Gesellschaft ist eben nicht tot im Gegensatz zu dem, was Queen Merkel noch vor einigen Jahren behauptet hatte. Ihre Rede war deshalb guter Schritt, der aber – wenngleich nur stockende – Lernfähigkeit belegt. Nun: Warten wir auf die Fortsetzung von „The Queens Speech“. Darin müsste es dann endlich um Rassismus gehen, dem offensichtlich wundesten Punkt in der gesamtdeutschen Seele.