Urlaub ist dazu da, Abstand zu gewinnen. Wenn es gut läuft, sitzt man abends auf einer Terrasse, schaut der Sonne zu, wie sie hinter Hügeln oder im Meer versinkt, und lässt dazu den Wein langsam in sich hineinlaufen. Epidemien, Flugzeugabstürze oder -abschüsse, Kriege und sonstige Katastrophen werden für Augenblicke nur noch verschwommen wahrgenommen. Der Horizont verengt sich, so- dass einem der Weg zum nächsten Supermarkt schon vorkommen kann wie eine Reise ans andere Ende der Welt.

Ein Weltproblem, das mich derzeit trotz Urlaub beschäftigt, ist der Klimawandel. Von Erderwärmung ist die Rede, auch wenn es in Südeuropa regnet, gewittert und hagelt. Wir täuschen gute Laute vor, aber unser Weinkonsum steigt proportional zu den fallenden Temperaturen. Nicht mal auf den Süden ist noch Verlass.

Der Alkoholgehalt steigt

Gestern Abend landete eine der wenigen Katastrophenmeldungen in meiner Mailbox, die sich anfühlte, als würde sie mich persönlich betreffen: „Klimawandel wird Weinliebhaber betrunkener und ärmer machen“. Gwynn Guilford vom amerikanischen Onlinedienst Quartz schildert in einer ausführlichen Reportage die Weinkatastrophe: „Grape-Ocalypse now“.

Kurz gefasst sieht das Szenario so aus: Klassische Weinregionen wie die Toskana oder das Burgund werden in den kommenden Jahrzehnten ein so warmes Klima bekommen, dass sich dort keine erstklassigen Weine mehr machen lassen. Gemäßigte Zonen wie Deutschland werden kurzzeitig von der Erderwärmung profitieren, bis sich die Weinanbaugebiete komplett nach Skandinavien, Polen und Südengland verlagern werden. Das klingt wie das Skript eines abstrusen Zukunftsfilms, aber auf der Nordseeinsel Sylt hat sich bereits ein erster Winzer niedergelassen.

An der Gironde, wo der Bordeaux wächst, gibt es bereits heute Weine, die auf einen Alkoholgehalt von 16 Prozent kommen. Noch reden sie dort von einem „bon problème“, aber kann ein Problem auf Dauer gut sein? Winzer haben mit dem „Umdenken“ begonnen. Sie pflanzen anders, um ihre Trauben vor der Sonne zu schützen, damit sie am Ende nicht schrumplige Rosinen ernten müssen. Auch wird der Erntetermin immer weiter nach vorne verlegt. Ob es hilft? Wein braucht kühle Nächte, um Säure zu entwickeln. Bleiben sie aus, oder werden sie rar, verliert das schöne Glas Côtes-du-Rhône zur saftigen Côte de Boeuf den Biss; man könnte dann auch einen Becher Nesquick dazu leeren.

Investitionen in kältere Gebiete

Australische Weinkellereien investieren jetzt in Tasmanien, dem kälteren Inselstaat 240 Kilometer südlich von Australien. Französische Champagnerhäuser sollen angeblich schon Anbauflächen in Südengland gekauft haben. Es klingt verrückt, aber ein Liter Wein ist jetzt schon teurer als ein Liter Erdöl, egal, ob der Alditropfen Mosel lieblich oder die Flasche Cheval Blanc für 8000 Euro.

Wir hielten Wein für so etwas wie erneuerbare Energie. Für unversiegbar. Nun sieht es so aus, dass die Reben in der Toskana eher vertrocknen, als die Ölquellen in Saudi-Arabien versiegen. Ich werde bald die letzten Tropfen schweren Weins zu mir nehmen, ich werde noch betrunkener sein und noch ärmer, aber mein vernebeltes Hirn wird vielleicht endlich verstehen, wie Schlechtwetter und Erderwärmung eigentlich zusammengehen.