Vor 2014 Jahren fanden der umherwandernde Joseph und die hochschwangere Maria kein Unterkommen. Die Bethlehemer wiesen sie ab, weil ihre Stadt überfüllt sei. Folglich kam Maria in einem Stall nieder, heute wäre es eine Turnhalle, und sie legte ihr Baby in eine Wanne. Der UN-Flüchtlingskommissar zählte bis Ende 2013 exakt 334.857 registrierte Heimatlose in Deutschland; 2014 kamen rund 230.000 hinzu.

Gemessen an Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft nehmen in der EU Schweden, Malta, die Niederlande und Zypern mehr Flüchtlinge auf als die Bundesrepublik - Spanien, Polen und viele kleinere Länder fast keine. Gäbe es ein Quotensystem, könnte Deutschland knapp die Hälfte der Neuankömmlinge benachbarten EU-Staaten zuweisen. Damit sollen nicht andere schlecht, sondern soll nur eines klar gemacht werden: Im Vergleich zeigt sich die Bundesregierung nicht hartherzig. Diese Einsicht mag die innenpolitische Verständigung erleichtern.

In Bethlehem wurde seinerzeit der Erlöser geboren, den „der Menschen Leid bewegt“, wie es in Bachs Weihnachtsoratorium heißt. Aber wovon kann ein kulturell zwar christlich vorgeprägter, jedoch areligiöser Mensch erlöst werden, der nicht glaubt, die Bilanz seines Lebens werde erst am Jüngsten Tag gezogen? Zumindest zwei biblische Maximen finden auch human eingestellte Laizisten beherzigenswert. Zum einen den Grundsatz, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist. Radikaler lässt sich der Gedanke von der prinzipiellen Gleichwertigkeit aller Menschen und des Respekts über alle Unterschiede hinweg nicht fassen.

Zum anderen enthält die Botschaft, der Heiland werde die Menschheit dereinst erlösen, etwas ungemein Beruhigendes: Im Hier und Jetzt werden die Menschen immer mit Problemen konfrontiert sein, die sie nicht lösen können und deshalb nicht lösen müssen. Sie sind dazu verurteilt, mit Ungereimtem, mit Elend und Schrecklichem zu leben. Erst das Akzeptieren der eigenen Grenzen, der Abschied vom Wahn grenzenloser Machbarkeit, der demütige Verzicht auf die zerstörerische Jagd nach dem Paradies auf Erden eröffnen die Möglichkeit zu pragmatischem und mäßigendem Handeln.

Dass die von Krieg, Not und Hass Gepeinigten auf die europäische Glücksinsel drängen, wird ihnen kein Vernünftiger verübeln. Dennoch müssen Kriterien für die Aufnahme bestehen, weil sonst die schon Eingesessenen einschließlich der neu Dazugekommenen überfordert würden. Das Problem wird die Menschheit beschäftigen, solange sie existiert, und es bleibt ihr nur der Weg, dem Unlösbaren einen halbwegs erträglichen Verlauf zu geben.

Simonetta Sommaruga, Sozialdemokratin und designierte Schweizer Bundespräsidentin, hat es hinsichtlich der Ausländerpolitik ihres Landes neulich so gesagt: „Ich gehe nicht in die Sitzung, um zu gewinnen, sondern um gemeinsam gute und mehrheitsfähige Lösungen zu suchen.“ (Prozentual leben in der Schweiz wesentlich mehr Ausländer und Flüchtlinge als in Deutschland.) Diese Lösungen werden stets ungenügend bleiben. Hier wie dort, speziell in Berlin, tobten im nun zu Ende gehenden Jahr heftige Streitigkeiten um das „richtige“ Verhalten gegenüber Flüchtlingen. Fast alle Streitenden haben daraus gelernt. Sie suchen nicht mehr die Lösung, sondern Kompromisse. Kein schlechtes Ergebnis.