Wegen eines Unglücks, das die Deutsche Bahn steril als „Personenschaden am Zug“ umschreibt, verbrachte ich neulich eine Nacht auf den Bahnhöfen Stuttgart und Mannheim. Dort geriet ich erstmals in ganze Hundertschaften von Flüchtlingen. Es war lausig kalt. Die zumeist jungen Leute trugen Anoraks, Wollmützen und Handschuhe, auch Stiefel und Rucksäcke deutscher Spender. Aus ihren Gesichtern sprachen weder Zuversicht noch Aggression, sondern Geduld und Gleichmut. Die Wachleute und Polizisten schoben ihren Dienst. Gelegentlich beschäftigten sie sich mit rein arisch-abendländischen Bierleichen. Um halb fünf öffnete der Back-Shop. Vor mir kaufte sich ein Afghane eine bräunliche Wurst, eingebacken in eine fettige Teigmasse. „Pig or cow?“, fragte er treuherzig. Die Verkäuferin nickte und schob ihren Schweinkram über den Tresen. Für Notlagen kennt der Koran großzügige Ausnahmen.

Wir können das schaffen. Nein, wir müssen es schaffen. Ob nun Tschechien oder Polen irgendwann 5000 Flüchtlinge nehmen oder nicht, ist egal. Natürlich hätte ich Lust, sämtliche Flüchtlinge, die über Libyen ankommen, sofort über die Brennergrenze nach Italien zurückzuschieben oder nach Frankreich durchzuwinken – denn die Regierungen Berlusconi und Sarkozy waren 2011 begeistert dabei, in Libyen sämtliche staatlichen und damit auch die zivilen Strukturen zusammenzubomben, angeblich im Namen von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten.

In Bellevue ist Platz

Damals wurde die Bundeskanzlerin von Besserwissern beschimpft, sie und Deutschland entzögen sich der Verantwortung, weil sie dem feuchtfröhlichen Wegbomben von Machthaber Gaddafi fernblieben. Einige Hundertschaften dieser Flüchtlinge könnte man auch den Bomberfreunden von den Grünen, voran der Abgeordneten Marieluise Beck, in ihre Büros und Privatwohnungen einweisen. Auch unser heutiger Bundespräsident pries seinerzeit die angeblichen Freiheitskämpfer in Libyen überschwänglich. Sein Schloss Bellevue und sein mit Wohncontainern dicht zu bestückender Park stünden also gleichfalls zur Verfügung. Joachim Gauck würde das einsehen. Bestimmt gehört er zu denjenigen, die das Verursacherprinzip gern hochhalten.

Aber solche Gedanken, hin- und hergedreht auf zugigen Bahnhöfen, nützen niemandem. Wir haben die Flüchtlinge. Der Winter kommt. Wir müssen ihnen helfen. Wir können und dürfen uns nicht hinter Schuldzuweisungen verstecken, wie es etwa Frau Wagenknecht von der Linken tut und obsessiv „die USA als Hauptverursacherin der Flüchtlingstragödie“ brandmarkt. Für künftiges politisches Handeln sollten wir die Vergangenheit analysieren. Für die gegenwärtige Aufgabe, den Entwurzelten, schwer Traumatisierten und Verzweifelten zu helfen, nützt uns das nichts. Wagenknechts Parteigenosse Bodo Ramelow gab ein Vorbild, als er Flüchtlinge auf dem Bahnhof Saalfeld im Bundesland Thüringen willkommen hieß – in arabischer Sprache. Auch ist es billig, Horst Seehofer als den Bösen zu schmähen. Faktisch nimmt Bayern prozentual weit mehr Flüchtlinge auf als die rot-grün regierten Bundesländer, und himmelschreiende Zustände, wie sie vor dem Berliner Lageso herrschen, gibt es im glänzend verwalteten Bayern nicht – trotz der sehr viel zahlreicheren Neuankömmlinge.