Kolumne zur Flüchtlingsdebatte: Wehe, wenn die deutsche Seele es nicht mehr gemütlich hat

In Deutschland ist es Herbst geworden. Nur wenige Wochen und viel Regen haben gereicht, um die Blätter von den Bäumen zu holen. Ein langer und warmer Sommer hat sich vor deinen Augen in einen kalten und nassen Oktober verwandelt. Mit dem Wetter ist die Stimmung der Menschen gekippt. Noch im Sommer strotzte das Land vor Kraft und Selbstbewusstsein. Nun ist es verzagt und ängstlich und fürchtet sich vor den nächsten Monaten. Eine griechische Tischnachbarin sagte dir bei einem Abendessen, die deutsche Seele sei kompliziert.

Es kommen viele Flüchtlinge in das Land. Ihre Zahl hat ein Ausmaß angenommen, das sich nicht mehr von Sachbearbeitern in Behörden nach bürokratischen Regeln bewältigen lässt. Die Flüchtlinge bevölkern die Straßen und schlafen in Turnhallen. Sie irritieren den Alltag von Menschen, die nichts so sehr lieben wie ihre Ruhe. Denn die deutsche Seele mag kompliziert sein, aber in einer Sache ist sie einfach: Wenn sie es nicht mehr gemütlich hat, wird es für andere ungemütlich, wenn nicht sogar herbstlich.

Angst, Angst, Angst

Das Wort Angst kannst du nicht mehr hören. Es gibt Angst vor den Flüchtlingen, Angst vor dem Islam, Angst vor den Menschen, die Angst haben. Du weißt nie, ob mit der Angst eine Befindlichkeit zum Ausdruck gebracht wird oder eine Drohung. Angst vor Flüchtlingen musst du jedenfalls nicht haben. Weder haben sie bisher deutsche Frauen vergewaltigt noch Kirchen in Brand gesteckt. Asylunterkünfte dagegen werden angezündet und ganze Landstriche von rechten Banden terrorisiert. Angst vor Deutschen macht mehr Sinn, ist aber auch keine Lösung.

Das deutsche Bürgertum kommt dir so unzuverlässig vor wie immer. Es liebt nicht nur die Gemütlichkeit, es neigt auch zur Sentimentalität. Feine Geister wie die Schriftsteller Rüdiger Safranski oder Botho Strauß sehen eine deutsche Kultur untergehen, die es nicht einmal in ihrer Kindheit gegeben hat. Die volkstümliche Entsprechung ihrer Träume kannst du samstagsabends im Fernsehen anschauen, wo kerndeutsche Zuschauer zu Volksliedern schunkeln oder Ratespiele veranstalten, bei denen Migranten keinen Platz haben. Es ist die Welt von gestern, rückwärtsgewandt und mit sich selbst beschäftigt.

Merkwürdige Forderungen

Du hörst merkwürdige Forderungen. Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft will neue Grenzanlagen nach Österreich, um Unruhen im Inland zu vermeiden. Er hofft auf einen Domino-Effekt. Würden die Deutschen Zäune ziehen, würden es auch die Österreicher tun und die Italiener und die Griechen auch. Am Ende der Idee wäre Europa Geschichte und die Flüchtlinge würden nicht von deutschen Hooligans erschlagen, sondern still und leise im Mittelmeer ertrinken. Für die Flüchtlinge keine guten Aussichten, aber das Ansehen der Deutschen im Ausland bleibt gewahrt.

Warum der Wunsch nach Grenzanlagen besonders in Sachsen und anderen Beitrittsgebieten groß ist, kannst du nur ahnen. 25 Jahre nach dem Fall der Mauer klingt es wie ein Treppenwitz der Geschichte. Doch die Mauer hat auch immer für eine Form von Sicherheit gestanden, die nur die DDR bieten konnte. Jetzt wird sie zurückgewünscht, allerdings auf West-Niveau. Dann gibt es Stasi und Intershop für alle und Reisefreiheit nur in eine Richtung: nach Mallorca. Dort scheint auch im Winter die Sonne.