"Was für ein Deutschland hätten Sie denn gerne?“ Das fragte mich vor einigen Tagen unvermittelt und mitten auf der Straße ein Mann. Er fragte es nicht wie ein Fleischverkäufer, der damit sein Sortiment an Aufschnitt meint. Er hatte seine Worte genau abgewogen, nicht zu aggressiv, nicht zu freundlich. „Ich hätte gern mehr von der Mischung da“, antwortete ich und zeigte auf die bunte Schar junger Leute, die nach der besten Falafel der Welt anstanden. Dann wurde er nachdrücklicher. Ob ich die Deutschen ausrotten wolle? Ob mir klar wäre, dass dies ein Verbrechen sei?

Er schnappte nach Luft, als wolle er sich selbst daran hindern zu sagen, was ihm noch so alles auf der Zunge lag. Dann ging er hastig davon. Im Netz sind die Leute direkter. Von allem, was sie mir wünschen, ist der „Volksgerichtshof“ das weitaus Netteste. Nein, es geht hier nicht um Bedrohungen; die sind geschenkt, gehören zur Folklore, wenn man sich gegen Rassismus engagiert. Vielmehr frage ich mich, in welchem Land diese besorgten Hasser leben wollen. Ein Land, aus dem man selbst raus, aber niemand rein kann? Mit einer Mauer als Schutzwall, kein anti-faschistischer, sondern ein Anti-Einwanderer?

Ich hätte gern ein Deutschland, in dem die Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen heute die Menschen überdenken lässt, was Generationen von Einwanderern, die Kinder der Gastarbeiter in ihrem Leben so alles durchmachen mussten. Auf wie viel Herablassung, Diskriminierung und Rassismus sie immer wieder stießen. Und es heute noch tun, direkt neben dem Bahnsteig der Willkommenskultur.

Vielleicht öffnet sich mit der momentanen Sorge um die Flüchtlinge auch die Bereitschaft, etwas selbstkritischer zu sein. Es ist nicht nötig, alle Menschen zu lieben, weil sie geflohen sind, und alle Einwanderer ab sofort zum Sonntagskuchen einzuladen. Sie anzunehmen als Nachbarn, sie zu respektieren, statt zu exponieren, wäre schon toll.

Überhaupt wäre es großartig, gäbe es zwischen Liebe und Hass noch etwas anderes. Akzeptanz zum Beispiel. Normalität. Ein Zustand also, in dem wir uns mit den Dingen auseinandersetzten können, die jenseits der Hautfarbe liegen. Ich hätte gern ein Deutschland, in dem ohne Zuschreibungen über Alltägliches geredet werden kann. Migranten leben bereits seit 50 Jahren in Deutschland! Und die wollen weder Kuscheltiere noch Beifall, sondern lediglich Achtung.

Und noch etwas. Ich hätte gern ein Deutschland, in dem Politiker und Bürger sich nicht wie Kinder der mittleren Krabbelgruppe benehmen. Und das tun sie, wenn sie sagen, der Osten wäre überhaupt nicht anders als der Westen. Die Zahlen zu Rechtsextremismus und Gewalt sagen etwas anderes. Nur nörgelnde Kleinkinder zeigen mit dem Finger auf andere, wenn sie selbst ein Problem haben. Und dass der Hass im Osten nach wie vor offen zelebriert und heftig ist, zeigen die täglichen Überfälle und die Tatsache, dass Pegida wieder mit 10.000 Leuten auf der Straße ist.

Wer hier für Willkommenskultur arbeitet, der muss sich dabei sehr oft dem kalten Wind aus Drohungen und Verachtung entgegenstellen. Auch das ist Realität und nicht nur die Kuscheltiere von München. Mit anderen Worten: Ich hätte gern ein erwachsenes Deutschland. Darf auch für einen Sechser mehr sein.