Nicht wenige Griechen pflegen ein gebrochenes Verhältnis zur finanziellen Realität ihres Landes. Dem entspricht die ins Heldische überhöhte Präsentation der eigenen Geschichte. Wie man das macht, führte neulich Professor Nikos Kotzias vor, derzeit Außenminister seines Landes. In den 1970er-Jahren hat er in Marburg studiert und bis vor Kurzem „Politische Theorie“ in Piräus gelehrt. Jetzt, während einer Deutschlandtour, erklärte er: „Wir Griechen haben keinen Krieg verloren, und wir haben keine Menschen industriell vernichtet.“ Die Betonung lag wohl auf dem Wort industriell. Jenseits dessen lohnt ein Blick in die griechische Gewaltgeschichte.

"Unbedachter Feldzug"

Mit britischer Hilfe brach Griechenland 1919 einen Angriffskrieg gegen die Türkei vom Zaun, um die „Große Idee“ („Megali Idea“) zu verwirklichen. Insbesondere republikanische Politiker propagierten ein großgriechisches Reich, das über Konstantinopel bis an die Küsten des Schwarzen Meers reichen und große Teile Anatoliens umschließen sollte. 1920 stießen die Aggressoren fast bis nach Ankara vor. 1921 mussten sie, die ihre Kräfte maßlos überschätzt hatten, den Rückzug antreten. Hernach sprachen die Verantwortlichen kleinlaut von einem „unbedachten“ Feldzug: Die griechische Bevölkerung Kleinasiens wurde Opfer des türkischen Gegenangriffs, mehr als eine Million Menschen flohen 1922/23 ins heutige Griechenland, Zehntausende starben.

Betrachten wir noch die sogenannten Freiheitskriege gegen die osmanische Herrschaft. Im Oktober 1821 eroberten aufständische Griechen Tripoli, die Hauptstadt der Peloponnes, und „richteten unter der mohammedanischen Bevölkerung ein furchtbares Blutbad an“, dem 32?000 Menschen zum Opfer gefallen sein sollen, darunter mehrere Tausend Juden. Der gewiss nicht türkenfreundliche rumänische Historiker Nikolae Jorga sprach von „völlig zuchtlosen Griechen“, die schlimmer gewütet hätten „als die wildesten Asiaten“.

Der russisch-jüdische Historiker Simon Dubnow resümierte, „für die Juden in Griechenland hatte die Revolutionsbewegung im Jahre 1821 nichts als ein grausiges Blutbad im Gefolge gehabt“. Die Entronnenen retteten sich ins Osmanische Reich. Während der Balkankriege 1912 und 1913 folgten ähnliche Grausamkeiten an Albanern und Bulgaren.

Für die Deportation der griechischen Juden 1943/44 lag die Tatherrschaft eindeutig bei den Deutschen. Doch sollte Professor Kotzias nicht vergessen, dass es – von Athen abgesehen – allerorten griechische Polizei war, die die Juden im Auftrag der Besatzer zusammentrieb. Überall bereicherten sich christliche Griechen am Eigentum der Deportierten. Nachdem 1650 Juden von Korfu nach Auschwitz abtransportiert worden waren, jubelten Bürgermeister Kollas und Präfekt Komianos: „Unsere großen Freunde, die Deutschen, haben unsere Insel von den Juden gereinigt!“

Die wenigen Überlebenden wurden bei ihrer Rückkehr abgewiesen, zum Beispiel Frederic Kakis. Er hatte sich in den Bergen versteckt und kam Ende 1944 nach Saloniki zurück. Als er sein Haus betreten wollte, fauchten ihn die neuen Bewohner hasserfüllt an: „Verschwinde und suche dir etwas anderes!“ Wer sich aus der Geschichte nur das Angenehme herauspickt, wird nichts daraus lernen – zum eigenen Nachteil.