Richtig skandaltauglich war es schon damals nicht mehr, aber doch irgendwie leicht verrucht und anders. Männer schmusten mit Männern auf der Turtelwiese, im großen Zelt ging’s politischer zu. Schwule diskutierten, wie sie gegen Klappenrazzien, Berufsverbote und Zensur vorgehen könnten. Und abends saß meine Wohngemeinschaft im Konzert der Gruppe Brühwarm, am Mikrofon der vibrierende Corny Littmann.

Homolulu, das große Schwulenhappening im Juli 1979 in Frankfurt am Main, war fröhlich, bunt und Teil einer äußerst folgenreichen Emanzipationsbewegung, die Deutschland toleranter, demokratischer und wärmer gemacht hat. Ohne diesen Tanz auf dem Vulkan wären ein schwuler Außenminister, ein schwuler Regierender Bürgermeister von Berlin oder der Beschluss des Kabinetts zur Gleichstellung der Homo-Ehe im Steuerrecht überhaupt nicht vorstellbar.

In jedem toleranten Akt steckt auch die Überwindung eigener Moralvorstellungen, verbunden mit einem beglückenden Freiheitserlebnis, frei zu sein vom Zwang der Feindseligkeit dem Andersdenkenden gegenüber, wie Alexander Mitscherlich erkannte, der mutige Psychoanalytiker der Nachkriegszeit.

Wehe aber, wenn Toleranz misslingt. Was der Philosoph Wilhelm Friedrich Hegel im Zusammenhang mit der mörderischen Zeit der Französischen Revolution als Tugendterror geißelte, das lässt sich ausgerechnet eben dort heute wieder beobachten. Hunderttausende gehen hasserfüllt auf die Straße, nur weil sich Schwule oder Lesben nun endlich auch das Ja-Wort sagen dürfen. Mariage pour tous, die Eheschließung für alle, spaltet die Grande Nation. Eine unsägliche Vermischung von Rechtsradikalen und bürgerlich-katholischem Lager, die da die Straßen beherrscht und auch vor körperlicher Gewalt gegen Schwule nicht zurückschreckt. Dabei lebte schon Frankreichs König Henri III. (1551-1589) bekanntermaßen schwul und befreite die Homosexualität vom Kirchenbann der Gotteslästerung.

Die heutigen Schwulenhasser nennen sich „französischer Frühling“ und rufen auf zur „Résistance“. Absurd, zynisch und geschichtslos infam. Gerade unter den Nazis, die die mutigen Männer und Frauen der französischen Résistance bekämpften, wurden die Gesetze gegen Schwule verschärft. Zeit für das demokratische Frankreich, den reaktionären Jakobinern von heute Einhalt zu gebieten und sich nicht einzureihen in die viel zu lange Liste der Länder wie Iran oder Russland, die in der gleichgeschlechtlichen Liebe sexuellen und politischen Hochverrat sehen.

Jungs, entspannt Euch. Die Natur lässt viele Blumen blühen. Zwischen schwul und hetero ist alles möglich. Lange haben Sexualforscher gerätselt, wie Homosexualität entsteht. Inzwischen gibt es immer mehr wissenschaftliche Belege, die zeigen, dass es frühe epigenetische Schaltungen im Erbgut sind, die die sexuelle Orientierung steuern. Homosexualität entsteht demnach ganz natürlich in jeder Generation aufs neue. Weltweit und seit Anbeginn der Zeiten. Selbst die Kirchen öffnen sich allmählich für die Erkenntnis, dass Gott viele Formen des Glücks hervorgebracht hat. Dann sollte es auch den Franzosen gelingen zu akzeptieren, was einst die Revolution erfolgreich machte: Liberté, Égalité, Fraternité – zu deutsch: Brüderlichkeit!