Um sich selbst zu vergewissern war die Demo gegen Judenhass offenbar nötig. Der offene Antisemitismus der letzten Wochen hat die Juden in Deutschland verunsichert. „Aufstehen gegen Judenhass“ hieß es deshalb gestern in Berlin auf der Kundgebung am Brandenburger Tor. Und was kommt am Tag danach? Wieder hinsetzen?

„Hinterher“, so ein Teilnehmer, „beobachten wir wieder ganz genau, was die israelische Regierung Schreckliches tut, wie sie die Eskalation vorantreibt und wehren uns dagegen, deswegen als Judenhasser hingestellt zu werden“. Und schon geht’s von vorne los.

Damit widerspricht er dem Eindruck, Antisemitismus käme ausschließlich von muslimischen Einwanderern, wofür sie schlimme Anfeindungen ertragen müssen. Dass viele muslimische Gemeinden tatsächlich ein Problem mit Antisemitismus haben, bestreiten indes nur Dummköpfe oder Ideologen. Doch deutsche Nazis neigen ebenfalls zu Antisemitismus, das weiß die Welt schon seit den Nürnberger Gesetzen von 1935.

Eine Kette von Rechtfertigungen

Genauso der bürgerliche Mainstream. Wann immer Antisemitismus diskutiert wird, folgt eine Kette von Erklärungen und Rechtfertigungen: bei Neonazis kommt’s von der Arbeitslosigkeit und weil sie keine Jugendclubs mehr haben. Radikale Muslime werden nicht genug respektiert oder es fehlt ihnen an Aufklärung. Deutsche Professoren und pensionierte Lehrer mit ihren ewig antisemitischen Kommentaren leiden an ihrem Bedeutungsverlust. Dann die Jugend, sie kommt mit dem Kapitalismus nicht klar – auch das ein guter Grund für antisemitische Sprüche. Rassismus in Deutschland nötigt alle Antirassisten, dem Apartheidgerede gegenüber Israel zuzustimmen. Die Opferfigur des unterdrückten Palästinensers lässt keinen Platz für Widerstand gegen Antisemitismus.

Politologen finden, dass Antisemitismus heute „eine politische Ursache“ hat, die man nur lösen müsse. Und die Dotcomgesellschaft in den schicken Kaffees im ehemaligen jüdischen Viertel mag keine Konkurrenz aus Israel. Überhaupt: Israel, Israel, Israel, das niemand kritisieren darf, nur weil die Juden dann immer gleich sauer werden.

Einen Jugendclub für jeden Nazi

Was also wird ab heute anders, nach dem „Aufstehen gegen Judenhass“? Wie muss eine Welt aussehen, damit Antisemitismus verschwindet? Vielleicht so: Jeder Nazi bekommt seinen eigenen Jugendclub und eine Vollzeitstelle. Das gilt selbstverständlich auch für radikale Muslime und sie werden außerdem – wie einst die Deutschen – 60 Jahre lang durch die Bundeszentrale für politische Bildung aufgeklärt. Alternde Lehrer und Professoren erfahren endlich die Verehrung, die sie verdienen.

Der Kapitalismus wird abgeschafft und mit ihm Rassismus und Antisemitismus. Israel wird auch abgeschafft, dann müssen sich die Juden nicht immer gezwungen sehen, sich zu solidarisieren. Eigentlich könnten die Juden ebenso abgeschafft werden. Dadurch hört dann auch der Terror auf, denn IS und Hamas haben keinen Grund mehr, böse zu sein und werden zur weltweiten Caritas.

Sieht so die Erlösung vom Antisemitismus aus? Es gibt einen jüdischen Witz über zwei Juden, die sich über die bevorstehende Ankunft des Messias streiten. „Ach, mach dich nicht verrückt“, sagt der eine. „Wir haben den Holocaust überstanden, die Hochzeiten unserer Töchter und die letzte Regierung. Dann überstehen wir auch den Messias!“