In diesen Tagen wird auf vielfältige Weise an die Spiegel-Affäre erinnert, in Wahrheit eine Affäre Franz-Josef-Strauß. Eine Titelgeschichte über die Bundeswehr ließ den schwarzen Verteidigungsminister der CSU rot sehen. Auf seine Veranlassung wurden der Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein, Conrad Ahlers und andere inhaftiert. Nicht nur zur Überraschung von Strauß war die Öffentlichkeit äußerst alarmiert, galt doch die Pressefreiheit als anerkannt schützenswertes Gut.

Ich stand damals in Heidelberg mitten im juristischen Staatsexamen. Trotzdem wollte ich etwas tun und suchte Mitstreiter. Aber wie wird aus allgemeiner Empörung ein ernstzunehmender Protest, öffentlich wirksam in einem weitgehend unpolitischen Umfeld? 68 lag noch in weiter Ferne. Bald waren wir ein bunter Haufen von Jurastudenten und Physikassistenten. Schnell kam die Rede auf Kundgebung und Demonstration.

Zwar stets politisch engagiert, war es für mich doch Neuland. Wir wollten auf den Uniplatz, doch unerfahren, wie wir waren, ließen wir uns vom Rektor und Polizeichef mit unserer für den 6. November 1962 geplanten Demo in den Innenhof der Mensa abdrängen. Wir dachten uns Parolen aus, die wir im Physikalischen Institut auf Betttücher pinselten. Offenbar noch autoritätsfixiert, suchten wir einen Redner, nicht etwa in den eigenen Reihen, sondern ein Professor musste her. So schwärmten wir aus, um jemanden zu finden, der – bescheiden wie wir waren – nicht mehr als ein paar Grundsätze des Rechtsstaats in Erinnerung rufen sollte. Dass jemand direkt Partei ergreifen würde, hatten wir gar nicht erwartet. Unsere Suche begann in der juristischen Fakultät. Einer nach dem anderen sagte ab.

Gleiches galt für die Historiker. Die Reaktionen der Germanisten fielen ähnlich, nur feinsinniger, aus. Als klar war, dass sich an Deutschlands ältester Universität kein Verteidiger des Rechtsstaats finden ließ, fahndeten wir im benachbarten Mannheim. Dort wurden wir in Person des Honorarprofessors Konrad Duden fündig.

Zur Demo kamen gegen Mittag knapp 30 Protestierer. Voll innerem Groll zeigten wir uns fern jeder Öffentlichkeit gegenseitig unsere Transparente. Als wir nach der Rede in die Stadt ausschwärmen wollten, wurden wir auf simple Weise daran gehindert. Am Eingang und Ausgang des Hofes hatten sich je fünf Polizisten postiert, die unsere Transparente konfiszierten. Lautete der von Strauß inkriminierte Spiegel-Artikel „Bedingt abwehrbereit“, so galt das auch für unseren bescheidenen Versuch, in Heidelberg die Demokratie zu verteidigen. Für mich endete meine erste Demo in einem Fiasko, für die altehrwürdige Universität in einer Blamage.

Dennoch bin ich froh, dass wir die Übergriffe von Strauß nicht tatenlos hingenommen haben. Dass ich mich in einem ähnlichen Fall noch einmal für das „Sturmgeschütz der Demokratie“ engagieren würde, ist nicht zu erwarten. An den montäglichen Zynismus konnte man sich gewöhnen. Übler ist, dass der Spiegel in der Phalanx der unfairen Steinbrück-Angreifer zu den Treibern gehörte. Gut, dass wir damals in Heidelberg nicht wussten, dass später ein führender Bild-Mann den Führungsstab des Spiegel bereichern würde. So ist Augsteins „Sturmgeschütz“ auf dem Wege, zum „Rohrkrepierer“ zu mutieren.