In den Jahren 1990 und 1992 arbeitete ich dreieinhalb Monate in Moskauer Archiven, 1988 und 1994 mehrere Wochen im westukrainischen Archiv von Lemberg (Lwow, Lviv). Zu sowjetischer Zeit, 1988, funktionierten dort die Eisenbahn, der Nahverkehr, das Hotel, die Oper, der Bauernmarkt, das in einer entweihten Kirche eingerichtete Museum für Atheismus und das Archiv. Sechs Jahre später, im Dezember 1994, reiste ich vom südostpolnischen Przemysl abermals ins 100 Kilometer entfernte Lemberg.

Diesmal waren die Fensterscheiben des Zuges eingeschlagen, die Toiletten knietief verkotet, Schaffner nirgends zu sehen. In Lemberg leuchtete keine Straßenlaterne, fuhr keine Straßenbahn mehr, niemand reparierte sie; das einst gepflegte Hotel war zur Spelunke der Halbwelt verkommen; das Archiv öffnete gelegentlich, Kopien wurden unter freiem Himmel gegen Dollars ausgehändigt. Anders als in Moskau schwante mir in Lemberg: Wenn du hier verschwindest, kräht kein Hahn nach dir. Plötzlich sehnte ich mich nach verlässlichen Beamten und Polizisten, nach Recht und Gesetz – nach dem Staat, verstanden als Minimum an öffentlicher Ordnung.

Die Lage hat sich deutlich gebessert, aber die Ukraine ist ein gefährdetes, noch unvollendetes Staatswesen. Freiheit und Demokratie gedeihen auf der Basis eines modernen Verwaltungs- und Rechtsgefüges. Fehlen die institutionellen und gesellschaftlichen Grundlagen, können Freiheitsbewegungen in Gewalt und Willkür enden, in nationalistischen oder fundamentalistischen Heilsversprechen – wie gegenwärtig in Ägypten, in Libyen, im Irak oder Syrien. Solche Staaten bestehen als Territorien, erfüllen jedoch nicht die Kriterien, die der Rechtsphilosoph Hegel im frühen 19. Jahrhundert begrifflich entwickelt hat.

Demnach gehört zum Staat wesentlich, dass er über die Macht verfügt, Recht und Freiheit für jeden Einzelnen zu garantieren. Nach Hegel wäre die Ukraine „ein Staat in Gedanken und kein Staat in der Wirklichkeit“. Letzteren definierte er nicht als allein territoriale, sondern vor allem als „substanzielle Einheit“. Dazu forderte er, die Ideen der Freiheit und des Rechts „in den Institutionen“, in der „Architektur der Vernünftigkeit“, also im Staatsgebäude selbst, zu materialisieren.

Demnach ist der ukrainische Staat ein Ziel, ein berechtigtes, jedoch keine Realität. Eben deshalb fand die vergleichsweise stille Minderheit der Maidan-Demonstranten, die für Freiheit und Recht eintrat, keine Basis.

Unter den derzeitigen Umständen kommt es primär auf Stabilisierung an, auf Umsicht und Geduld. So wie einst in Westeuropa aus Raubrittern und raffgierigen Potentaten aufgeklärte Fürsten wurden, müssen in der Ukraine aus Oligarchen verantwortungsvolle Unternehmer werden, die einem sich entwickelnden Mittelstand die Chance eröffnen, Staat und Wirtschaft von unten her zu festigen. Erst dann können Parteien entstehen, die gegensätzliche Interessen friedlich verfechten und Kompromisse schließen.

Die Gefahr ist groß, dass die Ukraine unter der nur plakativen Parole „Demokratie und Freiheit“ weiter abgleitet. Deshalb sollten das westliche Europa und auf andere Weise Russland vor allem eines beachten: Sie müssen die unterschiedlichen Kräfte innerer Destruktion zähmen, und zwar im gemeinsamen Interesse.