Nicht der Erste Weltkrieg war „die Urkatastrophe“, aus der sich die Schrecken des 20. Jahrhunderts herleiten, auch wenn das bald, 2014, zur hundertjährigen Wiederkehr des Kriegsbeginns zigfach behauptet werden wird. Eingeleitet wurde die Fehlentwicklung mit den Feldzügen Napoleons. Sie hinterließen zumal die Deutschen und ihr Land in physisch, psychisch und politisch verheertem Zustand. Wie nicht selten nach großen Kriegen reagierte das Volk mit Starre, ein Zustand, den wir Heutigen als Biedermeier, als Romantik zwischen Eichen, Vollmond und „Des Knaben Wunderhorn“ verniedlichen.

Infolge massenhafter Kriegstraumata herrschte das Bedürfnis vor, das Alte zu bewahren. So entstanden zwei zunächst verfeindete politische Richtungen: einerseits Metternichs Restauration überlebter Adels- und Kirchenmacht, andererseits der geschichtsverhangene, altdeutsch gewandete demokratische Nationalismus eines Ernst Moritz Arndt oder Joseph Görres.

Mit der erbarmungslosen Härte seiner Kriege und Besatzungsherrschaft hatte Napoleon neben dem materiellen ein schweres, bis heute nachwirkendes ideelles Unglück bewirkt: In Deutschland brachte er die revolutionären Ziele individueller Freiheit und Gleichheit in Misskredit. Aus der Gleichheit des Einzelnen vor dem Gesetz wurde hierzulande die Vorstellung von der kulturellen Gleichheit, bald von der geschichtlich gewachsenen und damit exklusiven Einheit des Blutes. In diesem Sinn verdammte der führende Demokrat Ernst Moritz Arndt 1814 die Idee weltbürgerlicher Offenheit, weil sie die „Deutschen zu Allerweltsjuden“ mache und forderte: „Geschieden werde das Fremde und das Eigene auf ewige Zeit!“

Die am Ende siegreichen Schlachten gegen Napoleon verherrlichten die Deutschen sofort als sogenannte Freiheitskriege. Damit büßte das Wort Freiheit seine auf das Individuum gemünzte Bedeutung ein, wurde fortan nurmehr als Freiheit von äußeren Feinden verstanden. 1819 wies Ludwig Börne darauf hin, welche gefährliche fremdenfeindliche Fusion sich in der schwarz-rot-goldenen Nationalbewegung ergeben hatte: Es „schmolzen Freiheitstrieb und Franzosenhass in ein Gefühl zusammen“. Freiheit für „Blutsdeutsche“, nicht für Fremde und Juden! So lautete die Parole.

Wohin dieser der demokratischen Nationalbewegung eingeborene Ungeist führte, demonstrierte später der führende Liberale Wilhelm Jordan. 1846 hatte er seiner Gesinnung wegen Sachsen verlassen müssen, doch saß er zwei Jahre später als gewählter Abgeordneter im Parlament der Frankfurter Paulskirche. Dort erklärte er am 24. Juli 1848 in der Debatte um die Freiheit Polens: Er betrachte „die Überlegenheit des deutschen Stammes gegen die meisten slawischen Stämme“ als „naturhistorische Tatsache“. Deshalb sei Polen, dieses Volk „aus Edelleuten, Juden und Leibeigenen“, zu Recht dreimal geteilt worden und die Polenfrage keine Angelegenheit des Gefühls und der Freiheit, sondern des „gesunden Volksegoismus“. Den so von Jordan begründeten Antrag nahmen die Abgeordneten mit 342 zu 31 Stimmen an. Wer darüber nachdenkt, schreibt oder spricht, wie und warum Deutsche während des Zweiten Weltkriegs in Polen derart mörderisch hausten, sollte die in der Paulskirche von deutschen Demokraten begangene Ursünde nicht vergessen.