Kolumne zur Wahl: Nachdenken, aufraffen, abstimmen

"Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“, sprach Jesus laut Matthäus. Also ich sehe den Balken in meinem Auge leider nur allzu deutlich. Er schmerzt. Er ist von entzündlich leuchtendem Gelb: die FDP-Prognose. Im letzten Winter schien er noch erträglich: ein beinahe niedlicher Hubbel, darunter die Zahl 3. Im Frühjahr wuchs er auf 4. Jetzt ist das Ding angeschwollen auf 6. Wahrlich, ich sage euch: Es ist ein gottverdammter Scheiß.

Die Flutschfinger von der FDP sind wieder da, rasiert und epiliert. Die aalglatte Bubi-Truppe, angeführt vom röhrenden Weinkönig Brüderle. Dabei waren die Gelben zwischenzeitlich bis zur Kenntlichkeit geschrumpft – auf ihre wahre Bedeutung: zwei Prozent. So passend für diese Partei der Habsucht und der Hungerlöhne, die das Kapital noch weiter entfesseln und alles Gemeingut privatisieren will, von der Alters- bis zur Wasserversorgung, dazu die Bahn, die Pflege, das Gesundheitssystem, den letzten bezahlbaren Wohnraum, sogar die Flugsicherung. Letztere sollte die FDP gleich selbst übernehmen. Es wäre das jähe Ende der modernen Luftfahrt.

Ach, was rede ich? Wer will denn die FDP? Niemand. Keiner mag sie. Keiner glaubt ihr. Doch das ist völlig Wurst. Weil die Strategie stimmt. Weil das „bürgerliche Lager“ disziplinierter denkt und auftritt und darum einfach cleverer wählt. Kurz vor Wahlen sagen sich die Schwarzen: Gelb wie Galle, pfui Deibel. Aber ein paar von uns müssen diese Unsympathen wieder ankreuzen. Für Mutti. Dann füllen alle artig ihren Zettel aus. Das klappt regelmäßig erschreckend gut.

Wer sich von den Prozentbalken der Demoskopen löst und die absoluten Zahlen anguckt, erkennt: Das schwarz-gelbe Lager ist an der Urne einfach verlässlicher, die Zahl seiner Wähler schwankt seit 1998 kaum. Wenn man die rabiate Rechte einrechnet, sind es sehr konstant zwischen 21,8 und 22,9 Millionen. Rechnet man sie heraus, immer noch 20,4 bis 22 Millionen. Gar nicht so viele. Aber sie machen was draus.

Die Linksgrünen hingegen, die Progressiven oder wie immer wir sie nennen wollen, zeigen sich als volatiles Völkchen. Höchst wankelmütig. Bei Schröders Triumph 1998 summierten sich die Stimmen für SPD, Grüne und, damals noch, PDS auf fast 26 Millionen. In den Umfragen gibt es immer wieder Spitzenwerte, bis zu 59 Prozent (April 2011). An der Urne aber geht es stetig bergab. 2009 bis runter auf 20,6 Millionen.

Ein Grund: Das linke Lager lungert am Wahltag zu Hause rum. Man mäkelt, ziert sich, will nicht wählen. Das liegt – neben hundert anderen Gründen – gewiss daran, dass die SPD, wir sprachen schon drüber, seit den Tagen des großen Ökoignoranten Schmidt gerne mal enttäuscht – und so Grüne, Linkspartei, zeitweilig auch Piraten päppelt. Sich auch beharrlich weigert, die alle wieder einzusammeln. Fehlt ihr die Vision? Hat sie einfach nur einen Heidenbammel, das Vereinigte Deutsche Medienmonster könnte mit ihr jene Hexenverbrennung veranstalten, die es 2008 an Hessens Andrea Ypsilanti vorexerziert hat?

Wir wissen es nicht. Wir klären das später. Wir haben hier Demokratie. Die ist kostbar. Zunächst gilt: Nachdenken. Aufraffen. Hingehen. Abstimmen. Alles andere zählt nämlich schlicht nicht.