Kolumne zur Weihnachtszeit: Darwins großes Missverständnis

Der Weihnachtsmann ist tot, wir müssen die Arbeit selber machen. Diesen wenig besinnlichen Satz hörte ich diese Woche an der Berliner Volksbühne. Aber heute am 6. Dezember ist erst mal der Nikolaus dran, auch tot. Ein unerfreulicher Heiliger, dessen Nachfahren mit dem Kinderschreck Knecht Ruprecht durch die Gegend zogen, um die angeblich ungezogenen Kleinen per Prügel mit der Rute zur Frömmigkeit zu peitschen. Schwarze Pädagogik nennt man das, die hoffentlich auch bald tot ist.

Deshalb, wir müssen die Arbeit jetzt selber machen. Und die meisten unter uns machen’s nicht mal schlecht. Studien zeigen, dass schon Kinder spontan helfen und teilen. Mit wachsendem Alter entwickeln sie sogar immer mehr Vertrauen in ihre Mitmenschen. Schlechte Erfahrungen sehen anders aus. Und in unserer teilweise dennoch oft so ich-bezogenen Welt steigt die Spendenbereitschaft für die Opfer von Naturkatastrophen, das ehrenamtliche Engagement in Vereinen oder sozialen Einrichtungen ist enorm.

Dem Evolutionsforscher Charles Darwin gefiel der Gedanke vom Altruismus nicht. Irgendwie hatte er seine eigene Theorie missverstanden, nach der immer nur der Stärkste überlebt. Denn nicht der Brutalste und Rücksichtsloseste ist im wirklichen Leben der Stärkste. Die Leute haben ein feines Gefühl dafür, wenn einer versucht, immer nur auf Kosten anderer zu schmarotzen.

Würden Sie so einen auch noch unterstützen? Ich nicht. Viel erfolgreicher sind jene, die hilfsbereit und großzügig sind. Der US-Psychologe Adam Grant hat gerade eine Studie vorgelegt, die zeigt, dass die oft verspotteten Gutmenschen hervorragend durch Leben und Beruf segeln. Beim Verkaufspersonal konnte Grant sogar zeigen, dass hilfsbereite Mitarbeiter nicht nur bessere Leistungen zeigten, sie machten auch mehr Umsatz.

In den USA wird jede wissenschaftliche Erkenntnis sofort gewinnbringend in Business-Strategien verwandelt. So auch diese. Mit Vergnügen las ich in einer Wirtschaftszeitung, dass immer mehr Firmen von ihren Mitarbeitern verlangen, sich sozial zu engagieren. Das mag zwar eine Umsetzung der Grant’schen Erkenntnisse nach der Hauruck-Methode sein. Schaden wird es den Beteiligten sicher nicht.

Auch Untersuchungen an Kriegsgefangenen, die jahrelang schweren Belastungen und Folterungen ausgesetzt waren, zeigten Erstaunliches. Es gibt Charaktereigenschaften, die verhindern, dass sich Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln. Besser geschützt vor schlimmsten Erlebnissen sind offenbar Menschen, die einen Sinn in ihrem Leben sehen, die Humor und Optimismus mitbringen – und sich um ihre Mitmenschen kümmern.

Sich nun zum völlig selbstlosen, ja krankhaften Helfer zu wandeln, ergibt aber auch keinen Sinn, warnt US-Psychologe Grant. Wer nie nein sagt und hofft, durch ständige Hilfsbereitschaft die Anerkennung oder gar Liebe der anderen zu erringen, der wird leicht zum Fußabstreifer. Also aufgepasst in der Weihnachtszeit. Wer reinen Herzens ist, der darf aufs Christkind hoffen. Die Geschenke verteilt das engelhafte Wesen ohne drohende Rute. Das ist altruistisch, modern und passt perfekt in unsere Konsumgesellschaft. Und der Weihnachtsmann? Ho, ho, ho! Der überlebt weichgespült in der Werbung.