Nach dem Leipziger Mummenschanz vom Wochenende, nach dem Jubiläumstrara des angeblichen Völkersieges über Napoleon ist es an der Zeit, aus dem theatralischen Pulverdampf aufzutauchen und die Folgen der napoleonischen Besatzung zu bedenken. Die Franzosenkriege bedeuteten für die Deutschen Zerstörung, vollständige Verarmung, Angst, Schrecken, Willkür, Vergewaltigung und hunderttausendfaches gewaltsames Sterben. Die Deutschen erlitten damals das schwerste Massentrauma zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und dem Ersten Weltkrieg.

Wie das in der Regel geschah, schilderte der 1794 nach Deutschland ausgewanderte Philosoph Charles de Villers am Beispiel von Lübeck, wo die einrückenden französischen Soldaten den Einwohnern im November 1806 das Leben zur Hölle machten: „Die Menschen wurden angehalten, ausgezogen; und diejenigen, die sich in den Straßen zu zeigen wagten, misshandelt.“

Der Ratsdiener wurde kurzerhand erstochen, die meisten Häuser wurden leergeplündert und das Inventar zerstört, dann folgten die offiziellen, von den Generälen angeordneten Requisitionen „Schlag auf Schlag“ und „mit der bekannten französischen Schnelligkeit“: „‚Im Namen des Kaisers gib mir deinen Beutel! – deine Uhr! – deine Hemden! – dein Weib! – all dein Geld her oder du stirbst!‘ – war die gewöhnliche Formel, mit auf die Brust halten einer Flinte, einer Säbelspitze, eines Pistolenlaufs unterstützt! Gar manche Unglückliche sind erwürgt worden, weil sie nicht schnell genug gehorchten.“

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Villers beschrieb, wie 22 Soldaten eine 18-jährige vergewaltigten: „Das Haus, das ich selber gesehen habe, liegt nahe bei dem Teiche, den der Stadtwall mit einschließt; die Ungeheuer warfen die Unglückliche, soweit sie konnten hinein; aber weil niedrig Wasser war, blieb sie unter dem Schilfe im Schlamm des Ufers liegen, wo sie nach Verlauf einiger Stunden den Geist aufgegeben hat.“ Derartige Gräuel ereigneten sich während der Franzosenzeit in Tausenden deutschen Gemeinden. Sie bildeten die Erfahrungsgrundlage, auf der republikanische, profranzösisch gesinnte Vereine zu fremdenfeindlichen Geheimbünden wurden und sich weltoffene Reformer zu germanophilen Guerillastrategen wandelten.

In Heinrich von Kleists 1808 rasch hingeworfenem Agitpropdrama „Die Hermannsschlacht“ lässt sich der Umschwung mit Händen greifen. Nur schwach verhüllt bezeichnet der Dichter darin Paris als das antike Rom und lässt Hermann, den Cherusker, zur Vernichtung der Hauptstadt des romanischen Erzfeindes blasen: „Denn eh’ doch, seh’ ich ein, erschwingt der Kreis der Welt / Vor dieser Mordbrut keine Ruhe, / Als bis das Raubnest ganz zerstört, / Und nichts als eine schwarze Fahne, / Von seinem öden Trümmerhaufen weht.“ Solange der Feind, diese „höhnische Dämonenbrut“, in Germanien steht, lässt Kleist seinen Hermann ausrufen, „ist Hass mein Amt und meine Tugend Rache“.

So entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts der kulturell überhöhte, engherzige deutsche Nationalismus, wurden Demokraten zu Fremdenhassern und autoritären Volkskollektivisten. Die Völkerschlacht bei Leipzig ist kein Anlass zu Feiern – sie steht für eine verhängnisvolle politische Fehlentwicklung in Deutschland.