Seit zehn Jahren nimmt Berlin teil an der Biennalisierung des globalen Kunstbetriebs. Und nun will diese 5. Berlin Biennale junger Kunst auf den "roten Faden" verzichten. Keine Führung, keine Didaktik, kein Erzählstrang. Sie werde sich nicht, sagen ihre Macher, in traditionellen Mustern bewegen. Spontanes, Frisches, Zufälliges sind versprochen. Und sie solle "keine Schatten werfen". Bloß keine Vergleiche mit bisherigen Biennalen - weder Rivalität noch Beckmesserei.Das alles verkünden die beiden Kuratoren Adam Szymczyk und Elena Filipovic für ihre Ausstellung an vier Berliner Orten: in den Kunst-Werken Auguststraße, in der Oberhalle der Neuen Nationalgalerie, im Skulpturenpark, der auf dem ehemaligen Mauerstreifen zwischen Mitte und Kreuzberg entstanden ist, sowie im Schinkel-Pavillon hinter dem Kronprinzenpalais Unter den Linden, wo jetzt schon die minimalistische Rauminstallation einer 90-jährigen Französin zu sehen ist. Womit eine markante Aussage getroffen ist: Auf dieser Biennale ist die junge Kunst keine Frage des Alters. Newcomer werden entdeckt, Veteranen wiederentdeckt. Das klingt sympathisch und spannend.Aber geht so etwas schattenlos? Also entweder grell oder ganz ohne Licht? In Berlin mag ja Vieles etwas anders sein als anderswo. Auf Atem und Rhythmus, auf Licht und Dunkel der Stadt aber musste sich hier noch jede Kunstschau einlassen und von den Projektionen der Geschichte - der Katastrophen und Utopien - leben, wollte sie beim Publikum ankommen. Berlin und die Welt, dieses Rezept haben - bei allen Unabhängigkeitserklärungen - garantiert auch Szymczyk und Filipovic. Er stammt aus Warschau und sie aus Los Angeles, beide stehen sie selbst für die heutige Global-Player-Situation von Kunst und Künstlern. Zudem bekennen beide mit ihrer Ausstellungsphilosophie der "offenen Strukturen" und einer "sehr subjektiven Künstlerauswahl" statt der marktsicheren Top-Ten-Listen auch das Experiment, diese Biennale ganz neu erfinden zu wollen.Da waren zur Premiere 1998, unter Leitung des Kunst-Werke-Gründers und heutigen MoMA-Kurators Klaus Biesenbach die "Kinder von Berlin". Sie hatten in der Auguststraße unbekümmert ihre Spielzimmer geöffnet und mit dem Guten und Bösen (letzteres war seinerzeit der Kosovo-Krieg) in der Welt jongliert wie mit bunten Bällen. Diese Berlin Biennale Nr. 1 hatte einen Künstlertyp kultiviert, der seine Inspiration aus der Stadt und deren großem Mythos, den goldenen 1920ern, bezog.Die Niederländerin Saskia Bos war bei ihrer Berlin Biennale Nr. 2 sehr viel vorsichtiger mit solchen Festlegungen und simplen Verweisen auf den Mythos der deutschen (Wieder)-Hauptstadt. Zu groß die Verführung, auf Klischees hereinzufallen. Anders als ihr Vorgänger nutzte die Amsterdamerin den Berlin-Bonus nicht als Deckmantel für Improvisation, oberflächliche Sozialphantasien oder infantile Spaß-Installationen. Sie reduzierte die Künstlerliste auf 50, räumte dafür den einzelnen Beiträgen mehr Platz ein, so dass gerade das innen malerisch marode Postfuhramt seine Museumsqualitäten demonstrieren konnte. Zumindest hier und in den Kunst-Werken spürte der Besucher die sachte, aber selbstbewusst lenkende Kuratorenhand und den ernsthaften Willen, die Arbeiten bestmöglich herauszustellen.Vielversprechend, doch glücklos agierte die Documenta 11-Co-Kuratorin Ute Meta-Bauer. Sie verzichtete kühn auf unfertige, ruppige, aber mythenbeladene Orte wie das Postfuhramt und belegte stattdessen den Martin-Gropius-Bau. Quasi im freien Fall war die junge, sich subversiv gerierende Kunst im repräsentativen staatlichen Ausstellungspalast gelandet. Das musealisierende Konzept ging nicht auf, zum Leidwesen jener Teilnehmer, die auf kritische Analysen gesellschaftlicher Prozesse gezielt hatten. Bauer hatte "Hubs" den Vorzug gegeben, Knotenpunkten, die im Rundgang inhaltliche Wegweiser sein sollten, aber versagten. Sie hatte sich nicht entscheiden können zwischen ästhetischem Statement und Didaktik. Ihre ambitionierten "Ermöglichungsräume für gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen" ließen die Kritik nörgelnd und das Publikum eher ratlos zurück. Die Künstler traten auf als Soziologen, Archivare, Urbanisten, Modeschöpfer, Politaktivisten, Gruppentherapeuten. Verstehen konnte das alles erst, wer zähen Videos folgte und sich durch Berge von Zeitschriften, Büchern, Dokumenten las. Der Begriff "Knäckebrotkunst" machte die Runde.Mit solcher hatte das Trio der Impresarios Maurizio Cattelan, Massimiliano Gioni und Ali Subotnick nichts am Hut - und erntete Riesenerfolg. Ihre 4. Berlin Biennale entlang der Auguststraße nahm einfach den Stadtmitte-Mythos wieder auf, bot eine theatralische, existenzialistische und emotional wirkmächtige Gruppenschau - wortgetreu dem John-Steinbeck-Buchtitel "Von Mäusen und Menschen". Bei dem US-Schriftsteller ging es um den Amerikanischen Traum, bei der 4. Berlin-Biennale ums Trauma des 20. Jahrhunderts: um zerstörte Kultur, gemordetes jüdisches Leben, um Erinnerungen und Assoziationen. Und um neue Lebensträume.Die Biennale Nr. 5 kehrt sich erklärtermaßen ab vom steinernen Berlin, seiner düsteren Geschichte und den Umbrüchen der jüngeren Vergangenheit. Die bevorstehenden 62 Kunst-Tage und -Nächte sind anders verplant. Die Künstlerliste weist nicht mal die üblichen Verdächtigen auf. Dafür haben diese Akteure ihre Werke nicht von sonst -woher transportiert, sondern hier nur für diesen einen Zweck aufgebaut. Es gibt die Kunst im Schichtbetrieb: Die Tage sind zum Sehen da und die Nächte zum Vertiefen, "Mes nuits sont plus belles que vos jours" - Meine Nächte sind schöner als eure Tage - lautet der Slogan.Mit dieser verheißungsvollen Totalauslastung des Biennale-Betriebs mit nächtlichen Perfomances, Lesungen, Konzerten, Filmen kämpfen die Veranstalter also doch gegen einen Schatten: Cattelans Biennale 2006 zog 85 000 Besucher an, Langeweile kam nicht auf. Das zu toppen, wird schwer; der Erfolgsdruck ist enorm. Adam Szymczyk, 38, und Elena Filipovic, 36, sind bereit. Tag und Nacht. Kunst ist für sie auch ein Ort für Debatten, nie aber ein Schlachtfeld, das um seiner selbst Willen verteidigt werden muss. Zum Kunstmarkt stehen sie mit dieser Haltung freilich konträr. Gewissermaßen springen sie damit doch über einen - den eigenen - Schatten. Samt der Gefahr, zu stolpern.------------------------------Biennale Nummer 5Eröffnung am 4. April, 18 Uhr, Kunst-Werke, Auguststr. 69, bis 15. Juni, Di- Fr 10-19, Do bis 22/ Sa+So 11-19 Uhr.Die vier Orte: Kunst-Werke, Neue Nationalgalerie, Skulpturenpark, Schinkel-Pavillon Oberwallstr. 1.Kombikarte: 12, ermäßigt 8 Euro. Katalog 32 Euro, Kurzführer 5 Euro.------------------------------Foto (2) : Im Schinkel Pavillon ist schon vor Biennale-Eröffnung die Installation "La lampe dans l'horloge" der 90-jährigen Französin Janette Laverrière zu sehen.Die Kuratoren: Elena Filipovic und Adam Szymczyk.

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